Von der Leichtigkeit des Euphemismus

Dir, Pöbel des Internets,

sei hier eine kleine Geschichte zur Erbauung gegeben. Der Sommer ist da, der Urlaub gebucht oder gar schon angetreten und man kann es kaum erwarten die Leichtigkeit ferner Strände zu erleben und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Nun denn, hier ist ein Text, dessen Sujet zumindest dieser Einleitung entspricht, auch wenn sein Kern wahrhaft zynisches erahnen lässt.

Der Moment der Schwerelosigkeit

Es war genau um 11:03, als im Strandabschnitt des Hotel de la Mer plötzlich die Schwerkraft aussetzte. Die Urlauber, die sich zur besagten Zeit am besagten Ort aufhielten, spürten zunächst eine ungeahnte Leichtigkeit, die schnell eine Euphorie auslöste. Diejenigen, die über den Strand schlenderten, fanden sich nach einem Schritt plötzlich in die Luft gehoben und ruderten mit den Armen, wie um ihr Gleichgewicht zu halten, um nicht zu fallen. Doch gab es kein Gewicht mehr und Fallen war ihnen gar nicht möglich. Vielmehr trieben sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach oben, dem blauen Himmel entgegen.

Diejenigen, die auf ihren Handtüchern im Sand oder in den zahlreichen Liegen lagen, reagierten häufig mit einem kurzen Schreck, begleitet vom typischen Zucken, das sie ebenfalls ihres Lagers enthob und in die Lüfte beförderte. Versuche sich an die Liege oder das Handtuch zu klammern, um so den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren, scheiterten daran, dass auch Liegen und Handtücher nicht mehr den Gesetzen der Schwerkraft gehorchten und ebenfalls himmelwärts strebten.

Ein kleines Mädchen, das gerade eine Sandburg baute stieß einen Schrei aus, als es durch das Festklopfen der Mauer von seinem Vormittagswerk getrennt wurde. Tatsächlich waren viele Schreie zu hören, ausgestoßen aus Verwunderung und Aufregung und Freude, ob dieser seltsamen Schwerelosigkeit.

Ein großer Teil des Strandes trieb in der Luft; junge und alte Leute in Badeanzügen, Bikinis und Badehosen. Ein junges Paar, ihre Haut war noch ganz weiß, waren sie doch gestern erst angekommen und hatten noch keine Zeit zum Sonnen gehabt, hielt sich bei den Händen, um nicht voneinander getrennt zu werden. Auch sie hatten große Augen und offene Münder und stießen Laute der Verzückung aus. Zwischen ihnen und den anderen Badegästen schwebten Handtücher, Liegestühle, Flip-Flops, Taschen und und auch ein wenig vom hellen Strandsand.

Michel befand sich in der Mitte dieser leicht gewordenen Gesellschaft. Unbemerkt von den anderen, die viel zu sehr damit beschäftigt waren ihr neues Gefühl der Freiheit zu kosten, lag er schwer in seiner Liege und beobachtete das Treiben um ihn herum. Der Sonnenschirm, der ihm gerade noch Schatten gespendet hatte, wurde von einer Frau mit Dauerwelle ergriffen und fortgetragen. In Michels Schoß lag ein halb zerfleddertes Buch. Seine linke Hand klammerte sich fest um die Lehne der Liege und ließ die Knöchel weiß hervortreten. Seine rechte Hand steckte in seiner großen Sporttasche. Er freute sich über die Euphorie der anderen, auch wenn er dieses Gefühl niemals würde teilen können. Er fühlte sich wie ein Fels. Ein frösteln überkam ihn, als ein Fettwanst vorbeischwebte und ihn in Schatten tauchte. Es war Zeit. Er nahm die Hand aus der Sporttasche und behutsam wurden die Urlauber wieder auf den Strand gesetzt.

Viele blieben im Sand liegen, als die Schwerkraft sich ihrer wieder bemächtigt hatte. Sie waren erschöpft und die wenigen, die nicht liegen blieben wankten auf wackeligen Beinen umher. Das Pärchen, das gestern erst angekommen war, ruhte reglos, ineinander verschlugen. Die Wellen, die ihre Körper umspielten kühlten ihre Gemüter. Das kleine Mädchen mit der Sandburg hatte von der Aufregung Nasenbluten bekommen. Die meisten waren müde und still, nur vereinzelt wurde noch ein glückseliges Jauchzen ausgestoßen.

Michel spürte nur die unendliche Schwere, die ihn hinabzog, in die Erde, und blickte ein letztes Mal auf den unerreichbaren Himmel, bevor er die Augen schloss.

Einfache Einsätze, Einfältig Eingefädelt

Das Internet zerstört dein Leben.
Wer das sagt, lebt auch Glutenfrei.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Früher war alles besser.
Die Leute denken einfach nicht nach.
Das interessiert doch niemanden.
Das sind halt so Naturgesetze.

Die Jugend von Heute hat keinen Respekt mehr.
All Cops Are Gay.
Diese verweichlichte Feminismuskultur macht meinen Sohn noch zur Schwuchtel.
Die Linksextremen sind doch genau so schlimm.
Deutschland geht vor die Hunde.
Die Presse lügt.
Son‘ kleinen Hitler bräuchten wir mal wieder.
Es war ja auch nicht alles schlecht.

PS: Dies ist kein Konsistenzartikel, nur ein Gedicht zum Sonntag (Bluttrinker Edition). Es gibt keine Konsistenzartikel mehr, es hat auch noch nie welche gegeben. Konsistenz ist eine Illusion. Zeit ist eine Illusion. Artikel sind eine Illusion. Alles ist eine Illusion. Wach endlich auf! Das Internet zerstört dein Leben!

Edinburgh Expressions

To you, rabble of the internet!

First my apologies for my bad English, but I thought it may be appropriate. And then I just wanted to post the article and not think so much about the text. It is about pictures anyway. So let’s get on with it.

I give to you these fine pictures, examples of the most outstanding craftmanship, open doors to the sensitive mind of the artist as it lays bare before you. As the educated observer can see on first sight the pictures tell a story – a story most human, tragic, hilarious, a story which belongs to the corpus of those tales as old as mankind, a story which raises the great questions about human life itself – where do we come from, where do we go, what about god, are questions separated by commas even proper questions – a story about owl zombies feeding on the brains of the living – bringing mankind to the brink of extinction – and a story – about the – extensive use of – hyphens.

Poetry_Slam_1_kleinIt all began in a dark crowded room with badly drawn faces and a microphone barely visible in the mess of black lines on stage.

Poetry_Slam_2_kleinA guy walked on stage and told the crowd: „We are DOOMED!“ Then he dissolved into bright white light, destroying everything around him.

Jazz_Session_1_kleinEverybody was upset, so a guy with a electric bass and someone with a clarinet took the stage and played some music. Meanwhile glasses-guy, beard-man and hoodie-boy had a plan …Jazz_Session_2_klein

In an unconnected scene a strangely deformed hand occurs, drawing several things.

Jazz_Session_3_kleinBeard-man, glasses-guy and hoodie-boy were searching for six wise persons of knowledge, one of whom was trapped behind black lines. But if all six persons of knowledge were not united they could not activate their secret superpower, which was extremely important to save the world.

Jazz_Session_4_kleinTo free the sixth wise person person of knowledge, they had to master four tasks. They had to beat the talking beer in a discussion about philosophy. They had to find the second eye of the mysterious woman. They had to fight the mighty penguin. And, they had to party with tentacle man.

Jazz_Session_5_kleinThings got messy when the penguin turned into a giant space snail and attacked. It was pure luck that saxophone-girl was around to fight the penguin in form of a giant space snail and save the day, to the delight of beard man, who had changed the shape of his head. However, someone died. The scene ended with a mysterious shot showing only the legs and a small notebook of a person sitting in an armchair. Was he the leader of the owl zombies?

Jazz_Session_6_kleinAs beard-man, glasses-guy and hoodie-boy did their best to save the world more and more people fell victim to the brain loving owl zombies.

Jazz_Session_7_kleinFinally the second eye of the mysterious woman was found. Treebrain had stolen it a long time ago, but he did not want it any more as it made his friend, the bird, sick.

Meadows_2_kleinTentacle man was convinced that visiting a museum was much like visiting a party … that dumb fool. (No, this has to be changed. Don’t we have some spare pictures? No? This is absolutely indecent. You can even see her … hair. Has to changed before publication. And to say Botticelli (with double t you fool) had such profane thoughts – this is an insult to the western art tradition. Has definitely to be changed.)

Hostel_Kitchen_kleinThe fate of the speaking beer was the drainage as it said: „The pen is mightier than the sink!“ The beer, however, did not have a pen.

Jazz_Session_8_klein

Intermission. (Intermission? WTF?! We do not need any intermission. What is this rude carp anyway? „Full frontal nudity“?? This is a highly sophisticated story about mankind fighting for survival. We do not need cheap dirty sex in here! And making the man into a sex object of women?! You can even see his penis! No, no, no, no! This will not make it! As women would have sexual desires anyway! Pah! NO WAY!)

Jazz_Session_9_klein As beard-man, glasses-guy and hoodie-boy had done everything to free the sixth wise person of knowledge, the six wise persons of knowledge transformed into a naked woman with long hair on a balcony. She sent out an army of squared spirals to fight the owl zombies. (Even this might be still a little bit indecent, this is much better than the intermission. Naked women have a long tradition in high arts and are much more aesthetic anyway. And you can not see any genitals. Go on, go on.)

Jazz_Session_10_kleinThe squared spirals defeated the owl zombies and the sun rose again above the ruins of civilization. People were dancing in darkness and light.Hostel_1_klein

But in some dilapidated room with a picture of a cactus, a donkey and a vulture – were those symbols for beard-man, glasses-guy and hoodie-boy? – a giant menacing spider … oh, come on, this is no spider, this is a joke. It is a fat black spot with eight „legs“. This is not menacing, this is no spider, this is pathetic! We will definitely cut this part from the story – it is absolutely unrelated anyway!Hostel_2_kleinThe people were still dancing, everything was good. But wait! They were dancing to „99 Luftballons“! And the mysterious scribbling person was still scribbling and enjoying a cheap beer! And was this giraffe about to resurrect the mighty penguin? And indeed: What about these black spots?
Hopefully not to be continued …

These pictures are arranged in order of their creation.

Athmospheric Nonsense Poem

Meandering strains
of purple seaweed
drifting aloof
A song playing
underwater and soothing
Artificial kindness
breathing through a valley
The dry rocks beckoning
Rain blanketing all
A profound satisfaction
And life drinking up
Words on a screen
Laughing and Crying
Drugging the mind
Uncaringness beloved
Wood alive in darkness
an unending sound
passed down
from autumn to spring
Hornets raiding a bees nest
primitive reflexes
bravery without braveness
emergent patterns
aesthetic Holism
The beauty of Iron and concrete
or cliffs at the sea
Roughness and storm
water merging with sand
unending battles
but only metaphors remain
Language stripped down
technical and precise
heavyweight consequences
Bayesian conspiracies
Honed and tempered bodies
Idealized humans
broken spirits and minds
military precision
and the fascination of death
Gargoyles turned flesh
Fantastic creatures roaming
a child in a room
Streetlights flickering
A loud neon light
Bioluminescent jellyfish
and purple seaweed
drifting through a dream
everlong winding

Krankhafte Konsistenz

Einstmals lief, zweifelnd, ein Mensch dreist in das falsche Viertel. Er war nun gerade fünf Minuten dort, als er von Sexarbeiterinnen angesprochen wurde. Der Mensch jedoch wollte „Sieben“ schauen an jenem Abend und fragte daher: „Nacht, meine Damen, sagt mir doch wie ich zur Neustadt komme“, denn dort lebte er. „Es gibt keinen Weg Heimwärts“, antwortete unzweifelhaft jemand. „In Dreiteufelsnamen, du bist verloren hier. Viele suchen Flucht, niemand wird fündig. Dein Weg war kein Zufall, Siechender.“ „Warum nennst du mich so?“ „Gib Acht: Dies ist kein Traum. Suche daher die anderen Neuen, tut euch zusammen. Denn bald wirst du jeden Sinn eins Verlieren“ zwei „Wort werde drei Blind Wort Taub?“ vier Wort Wort nicht gemeint fünf verliert Wort Welt Wort Zusammenhang sechs Wort Hilf Wort Wort suche die sieben Wort Wort Wort Wort verstehe Wort zu acht spät Wort Wort Wort Wort Flieh! Wort Wort neun.

Was mag diese Geschichte bedeuten? Erfahrt es nächsten Monat!

Mit Gewinnspiel!

Dir, Pöbel des Internets!

Folgend folgt eine kleine Geschichte. Um das ganze Leseerlebnis etwas aufregender, spannender, lehrreicher etc. zu gestalten gibt es ein kleines Gewinnspiel mit herausragendem und wirklich erstrebenswertem Gewinn: Die Wahl des Titels des nächsten Eulenzombieartikels! Also, wenn das mal nichts ist! Damit binde ich natürlich auch alle anderen Eulenzombieautoren an dieses Gewinnspiel, auch, wenn die davon noch gar nichts wissen.
Alles, was ihr dafür machen müsst, ist zwei Referenzen auf irgendwelche anderen Werke im Text zu finden und zu posten. (Es sind nämlich zwei abgewandelte Zitate drin und die will ich ja jetzt nicht umsonst eingebaut haben, aber alles andere, sofern mehr oder minder plausibel ist auch toll! Ist das nicht toll?!) Und natürlich solltet ihr bei der zahlreichen Leserschaft auch schnell antworten, bevor jemand euch diesen wunderbaren Preis vor der Nase wegschnappt. Und ihr euch dann euer ganzes Leben lang Vorwürfe macht. So jetzt gehts aber auch schon los. BÄM!

Der Durchzug

Verängstigt hockt Familie Kurz im Keller im Licht einer einzelnen, nackten Glühbirne zwischen alten Spielsachen, Weihnachtsschmuck, Konserven und Getränkekästen, angelehnt an die Tiefkühltruhe. Ängstlich blicken sie zu Boden, die Tochter auf ihren auf ihrem Schoß liegenden Laptop. Durch die letzten Schwachen Ausläufer des WLANs der Familie ist sie noch mit der Außenwelt verbunden. Sie twittert „sitzen im keller wg #durchzug können nicht raus“

Über der Familie in den oberen Stockwerken ihres kleinen Reihenhauses hebt schwach ein Geheul, wie wenn Wind durch eine zu schmale Öffnung pfeift, an. Niemand wagt es bei diesem Geräusch aufzublicken, vom Boden oder vom Laptop; Furcht spricht aus den Augen der Familie. Das Geräusch verebbt wieder und einige Minuten voller Stille folgen, bis es erneut ertönt. Die Familie regt sich in der Zwischenzeit kaum, sitzt nur still an die Tiefkühltruhe gelehnt, so dass kaum ihr Atmen zu hören ist, bis der Vater sich mit einem Seufzer erhebt und unsicher zur Tür geht. Mit jedem Schritt aber wird sein Gang zögerlicher, schwerfälliger, als koste es ihn große Kraft diesen kleinen Kellerraum zu durchqueren. Endlich, kurz vor der Tür bleibt er stehen, hält inne, wie im Hader mit sich selbst, dreht sich dann um 90 Grad und beginnt vor der Tür auf und ab zu schreiten. Als das Heulen im oberen Teil des Hauses wieder einsetzt, flüchtet sich der Vater schnell an seine alte Position auf den Boden vor der Tiefkühltruhe und greift entschlossen nach dem Laptop seiner Tochter. Ein Knallen wie von einer zuschlagenden Tür erschallt plötzlich und erschrocken zuckt die ganze Familie zusammen.

Im Browser ist noch die Facebookseite der Mutter geöffnet, die kurz nachdem es begonnen hatte und sie sich in den Keller geflüchtet hatten, dort mit einer Bekannten geschrieben hatte.

„Hallo, ich kann wohl nachher nicht zum Tupperabend kommen, wir haben einen Durchzug im Haus und sind deshalb grad in den Keller geflohen. Ich hoffe er ist früh genug weg, dass ichs doch noch schaff“

Nach einer viertel Stunde hatte die Bekannte geantwortet: „ok“

Während der Vater ein Mailprogramm öffnet ertönt ein weiteres Knallen wie von einer Tür, gefolgt von einem lauteren und anhaltenderem Aufheulen, das wie das Klagen eines verfluchten Unwesens klingt. Das Heulen hält an und die ängstlichen Blicke der Familie kleben wie gebannt an der Kellertür, als ob dort jeden Moment etwas wahrhaft schreckliches hindurchtrete. Als das Heulen wieder etwas abflacht besinnt sich der Vater und beginnt eine Mail zu schreiben.

„Sehr geehrte Nachbarn,
es ist mir äußerst unangenehm die Nachbarschaftsmailingliste auf diese Weise zu missbrauchen, doch ich hoffe, dass die Umstände dies rechtfertigen. Ein Durchzug ist in unserem Haus in den oberen Etagen und wir (meine Familie und ich) haben im Keller Zuflucht gesucht. Wenn Sie bitte die zuständigen Behörden verständigen, damit uns geholfen werde, wäre ich sehr dankbar.“

Nach nochmaligem durchlesen setzt der Vater noch einen freundlichen Gruß unter die Mail und ein Postskriptum.

„P.S.: Ich hoffe die lange geplante Weinverkostung am Donnerstag kann trotzdem hier stattfinden.“

Noch einige Augenblicke nach dem Versenden der Mail blickt der Vater auf das leuchtende Display, scheinbar wie versunken in einer anderen Welt, bevor er jäh zurück in den kleinen Kellerraum gerissen wird. Ein undefinierbares Scheppern und Poltern ist plötzlich zu hören. Bleich vor Angst und mit kaltem Schweiß auf der Stirn, der im Licht der einzelnen, nackten Glühlampe glänzt, blickt die Familie an die Decke des Raumes. Das Poltern wird lauter und scheint sich zu nähern, ja es scheint als würde es vom ersten Stock ins Erdgeschoss wandern. Es endet mit einem besonders lautem aber dumpfen Knall, wie von einem Aufprall, bei dem die Lampe kurz flackert. Es folgt eine abwartende, angespannte Stille, in welcher der Vater den Laptop auf die Kühltruhe über die Köpfe seiner Familie stellt.

Leise schließlich, wie ein zaghaft forderndes Rufen nach jemandem, hebt das Heulen wieder an und den Gesichtern der Familie ist anzusehen, wie sehr sie fürchten, dass der Ruf ihnen gilt. Still bleiben sie sitzen und wie als eine Reaktion wird das Heulen lauter, fordernder, ärgerlicher. Doch in den Zügen der Familie ist zu lesen, wie ihnen die Furcht den Atem nimmt und die Kehlen zuschnürrt. Das Heulen wird geradezu wütend und dann, direkt über der Familie, hebt ein unsäglicher Lärm an, als ob die Gesamte Einrichtung des Hauses zerschlagen würde. Ein unglaublich schepperndes Crescendo, dass die Familie gänzlich blass und in kaltem Schweiß gebadet mit anhört, scheinbar unfähig zu irgendeiner Regung, irgendeiner Tat des Widerstandes. Die Lampe unter der Decke beginnt unregelmäßig zu flackern, während die Geräusche von oben weiter unbändig in den Kellerraum schallen. Schließlich wagt sich der Sohn zu regen und nimmt den Laptop. Er startet verschiedene Instant Messenger: ICQ, MSN, Jabber, Skype. Das Heulen erhebt sich jetzt wie ein wahnsinniger Gesang über den schmetternden Lärm und das Knallen wie von Türen erhebt die Töne zu einer Kakophonie des Grauens.

Der Sohn setzt seinen Status bei allen IMs: „Durchzug: können nicht heraus, schmettern über uns, er kommt“ Dann sieht er wie das WLAN der Familie zusammen bricht. Mit einem Schrei des Entsetzens wirft er den Laptop von sich auf die kalten Fliesen. Die Mutter schreit panisch und verbirgt ihr Gesicht schnell hinter ihren Händen. Doch der Lärm über ihnen erstirbt. Stille herrscht im gesamten Haus. Dann, triumphierend, hebt das Heulen wieder an. Die Tochter beginnt zu schluchzen. Vereinzeltes Knallen von Türen ist zu hören, gemächlich, Zeit lassend. Aus den Gesichtern der Familie spricht die Gewissheit und die Angst vor einem baldigen Ende. Die Mutter murmelt immer wieder „Oh Gott, oh Gott“. Der Vater scheint zu keinerlei Regung mehr fähig, blickt starr und panisch auf die Tür des Kellerraumes. Die Tochter erbebt vor hemmungslosem Schluchzen. Der Sohn liegt in Embryonalstellung auf dem Boden, Augen fest zugekniffen und die Hände auf die Ohren gepresst. Das Heulen tönt laut über den Köpfen der Familie, wie voll irrer Vorfreude.

Dann ist mit einmal ein besonders lauter Knall zu hören und der letzte Ausdruck auf den Gesichtern der Familie, bevor sie im Dunkel der erloschenen Lampe versinken, ist das Wissen um die Einsamkeit, das Wissen, wie einsam sie in ihrem Keller sitzen. Im Dunkel hören sie, wie sich das Heulen die Kellertreppe herunter bewegt, wie sich zum Heulen ein seltsames luftig schlurfendes Geräusch gesellt. Dann wird es still, aber die Familie spürt, wie ein eisig kalter Luftzug über ihre Körper streicht. Mit schwacher, ersterbender Stimme spricht der Vater: „Der Durchzug! Der Durchzug!“

Dies und das

Dies

„Suppendrucken“ – Nils fragte sich welchen Sinn dieses Wort wohl haben könnte. Als er sich nichts unter dem Begriff ausmalen konnte, beschloss er, ihn wieder zu vergessen und damit endete seine Geschichte.

das

Das Kehrfahrzeug fuhr den hellen, scharf geschnitten beleuchteten Teil der Straße entlang und kehrte den ununterbrochen monoton grauen Asphalt. Die Dunkelheit der Nacht versuchte die Stadt zu erfüllen und das Kehrfahrzeug zu erreichen, aber ihr wurde vom weißen Schein der Straßenbeleuchtung nur ein eng bemessener Raum in den unzugänglichen Winkeln, Ritzen und Gassen gelassen.
Schnurgerade fuhr das Kehrfahrzeug die stille Straße entlang, die in regelmäßigen Abständen von rechtwinklig verlaufenden anderen Straßen gekreuzt wurde, als eine in Dunkelheit liegende, krumm von der Straße abgehende Gasse die Aufmerksamkeit des Fahrers erregte. Die Dunkelheit der Gasse war keine absolut schwarze Dunkelheit, wie sie sich im Rest der Stadt gegen die weißen und grauen Flächen abgrenzte; Diese Dunkelheit trug in sich einen schwachen bunten Schimmer, Ahnungen und Variationen von rot und grün, von orange und blau, von gelb und lila.
Der Fahrer des Kehrfahrzeugs lenkte vorschriftsmäßig ein und fuhr in die Gasse. Diese war eng und gebogen, die Häuser schienen sich über sie zu beugen und über die mannigfaltigen Gesimse und Stuckaturen huschten die Farben in einem immer wilder und kräftiger werdenden Spiel, je weiter das Kehrfahrzeug in die Gasse vordrang. Schließlich gesellte sich noch Musik dazu; Die leidenschaftliche, elektrische Stimme einer einzelnen Gitarre.
Das Kehrfahrzeug erreichte einen kleinen Hinterhof, in dem sich eine kleine Gruppe Menschen gesammelt hatte. Bunte Lichter erleuchteten sie, doch herrschte kaum mehr als ein Zwielicht; Ja, es war eine bunte Dunkelheit und man musste es sich fast mehr vorstellen, als dass man es sehen konnte, wie diese Zwielichtsgestalten zum Gitarrenspiel tanzten und sangen und mit Farben die umliegenden Häuser bemalten.
Bei diesem Anblick zauderte der Fahrer des Kehrfahrzeugs nicht, er ging seiner Pflicht nach; Und kehrte alles hinfort.
Als er mit seiner Arbeit fertig war, hinterließ er eine stille, tiefschwarze Dunkelheit, eine Dunkelheit, die sich perfekt in das weiß und grau der Stadt einfügte, auf deren Straßen in schnurgerader Bahn die Kehrfahrzeuge fuhren.

Zehnter Teil

Dir, Pöbel des Internets!

Und nun!

Die weise Lösung

Es waren einmal zwei Zauberer, die wohnten jeder in einem Turm, wie es sich nunmal für anständige Zauberer gehört. Die beiden Türme standen in einem Dorf am Rande dessen Markplatzes; Jedoch nicht nebeneinander, sondern sich direkt gegenüber, sodass der Platz in gesamter Breite, wenngleich er nicht sonderlich groß war, zwischen ihnen lag. Die Zauberer waren nun, das bewiesen schon zweifelsfrei ihre stattlichen Bärte, sehr weise; Aber dennoch in einen Zwist verwickelt.
Jeden Mittag versammelte sich das Dorf auf dem Platz zwischen den Türmen und die Zauberer traten auf ihre, dem Markt zugewandten, Balkone. Die Menge auf dem Platz hatte sich versammelt, um Weisheit von den Zauberer zu erfahren, denn natürlich war auch ihnen die Stattlichkeit der Bärte längst bekannt.
Die Zauberer aber trugen ihren Streit aus. Dieser begründete sich in der Frage, welcher Turm das „Obere Ende“ des Platzes markiere und wer nun denkt, dies sei eine Frage des Prestige, muss enttäuscht werden, ist doch der Kern des Sache etwas komplexer.
Da beide Zauberer ihre Türme niemals verließen und immer nur von ihren Balkonen auf den Platz hinunter schauten, mussten sie sich zwangsläufig am oberen Ende des Platzes befinden; Immerhin kann man ja auch bei einer Treppe von deren oberen Ende auf den Rest hinunterblicken, sofern es sich nicht um eine Wendeltreppe handelt.
So stritten die Zauberer jeden Tag um die Mittagszeit über den Platz hinweg und die Menge stand da und verwirrte sich; Und hielt den Disput  für weise.
Wenn es jemanden gab, der gegen die Zauberer sein Wort erhob und darauf hinwies, der Platz habe ein „Oberes Ende“ allein durch sein natürliches Gefälle, und keiner der Türme stünde dort, so ließ sich die Menge durch solcherlei Possen nicht beirren, denn die Stattlichkeit der Bärte dieser Wichtigtuer reichte kaum an die der Zauberer heran.
Eines Tages aber, um endlich zum Ende dieser ermüdenden Geschichte zu gelangen, war nicht irgendein Tag, sondern eben jener Tag, an dem der Streit beigelegt wurde. Einer der beiden Zauberer war es leid, wie der andere sich vor der Wahrheit verschloss, nahm sein Gewehr zur Hand und erschoss ihn.
Die Menge war beeindruckt von der weisen Lösung und jeder wusste nun genau, wo das „Obere Ende“ des Platzes liege.

Und nun: Frage dich nicht, schieße lieber ein wenig!

Siebter Teil

Dir, Pöbel des Internets!

Und nun!

Die Fußgängerzone hinab

Die Fußgängerzone hinab. Bunte Plakate und laute Musik dringen aus den Geschäften hinaus in die berauschte Menge längst betäubter Passanten. Diese stapfen mit glasigem Blick, nehmen nur noch wahr, was bunt und laut genug ist, drängen aneinander vorbei, eine zähe Masse. Ein Kind schreit, seine Mutter hastet mit dem Kinderwagen über die grauen Steine; Von Geschäft zu Geschäft, kauft, kauft, kauft. Das Kind schreit. Es sitzt in seinem Kinderwagen, gekleidet in einen kleinen Anzug, das Gesicht glattrasiert. Es schreit „Mehr, mehr, mehr!“ Die Mutter hastet, rennt, springt. Sie wird überfahren. Das Kind reist weiter mit Ökostrom.

Und nun: Frage dich nicht, tanze lieber ein wenig!