Waldspaziergang im Winter

Es war ein sonniger Wintermorgen, als Frieda in den Wald hinaus ging. Am Tag zuvor war ein feiner Pulverschnee gefallen, der nun die Bäume und Wege bedeckte. Außer ihren im Schnee angenehm knirschenden Schritten war fast nichts zu hören, alle Geräusche wurden bald durch die Schneedecke verschluckt. Frieda war nicht vielen Menschen begegnet, und nun war sie auf einem Pfad unterwegs, auf dem noch niemand Spuren hinterlassen hatte. Frieda blieb stehen und Genoss die Stille für ein paar Sekunden. Eine Minute. Fünf Minuten. Mit einem knorrigen Geräusch erwachte ein Baum und fragte Frieda: „Was machst du hier im Wald?“
„Ich entspanne mich nur ein wenig vom Alltag“, antwortete Frieda.
„Der Wald ist Alltag.“ sagte der Baum.
„Ja, für dich ist der Wald Alltag. Du stehst jeden Tag hier und trägst im Winter den Schnee, im Sommer die Vögel.“
„Ich weiß nicht, was du den ganzen Tag machst. Ich weiß gar nicht viel von dem, was wenig entfernt von mir passiert. Meine Wurzeln fühlen die Erde, meine Nadeln fühlen die Luft, die Sonne, den Regen. Meine Zweige fühlen die Tiere, die mich beklettern, beschäftigt und immer in Bewegung, nur selten bleiben sie stehen und schlafen ein bisschen in meinem Geäst. Mein Stamm fühlt das Wasser ihn durchfließen und wie die Zeit ihre Ringe zieht. Eigentlich hätte ich viel Zeit, über all diese Eindrücke nachzudenken und meine kleine Welt zu erkunden. Oder ich könnte die Kunde der Tiere erfragen und so mehr über diese Welt erfahren. Ich könnte den langen Reiseberichten der Vögel lauschen, den abenteuerlichen Fluchtgeschichten der Eichhörnchen, den wilden und strategischen Jagdberichten der Wölfe, den Angebereien der jungen Hirsche, den Eskapaden der Wildschweine in die Gärten der Menschen… Und natürlich den endlosen Dramen der Menschen, die hier spazieren gehen und über alles Nachdenken. Der Wind in meinen Ästen könnte zum Geflüster mit anderen Bäumen werden, die all diese Geschichten und mehr austauschen. Die Weisheit des Waldes, die tausend Jahre alte Eiche, die schon alles gesehen hat…“
„Aber eigentlich ist das alles Klischee“, entgegnete Frieda.
„Ja.“, sagte der Baum, „Eigentlich denke ich über gar nichts nach. Ich kann auch gar nicht hören oder sehen. Ich bin einfach. Im übrigen kann ich auch gar nicht sprechen.“

Langsam wurde es Frieda etwas kalt, so auf einer Stelle zu stehen und auf die schöne Fichte zu starren, die so lebendig wirkte. Sie setzte ihren Spaziergang fort. Der Schnee knirschte angenehm unter den Stiefeln, ihr Atem malte feine Wölkchen in die kalte, klare Luft. Frieda ging noch eine ganze Weile durch den Wald, durch den funkelnden Schnee, die bezaubernde Stille. Sie dachte über vieles nach, und manchmal, wie es beim Spazieren und Wandern beizeiten vorkam, war sie einfach.

Dienstagsgeschichte

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Die grauen Wellen schlugen unerbittlich gegen die Felsen, weit unter ihren Füßen. Bald sollten sie die Klippen gänzlich ausgehöhlt haben, so dass auch sie Teil des Ozeans würden. Aber nicht all zu bald, wenn man es in menschlichen Zeitspannen betrachtet, dachte sich Frieda, die den Wind in ihren Haaren genoss. „Welche Kunde bringst du, Wind?“ fragte sie ihn, doch der Wind antwortete wie immer nur mit weißem Rauschen. Man kriegte einfach kein gutes Signal hier oben.

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Die grauen Wolken türmten sich am Himmel. Bald sollten sie ins Land ziehen und die Pflanzen mit ihrem Regen beglücken. Ein Teil des Regens würde versickern und zurück ins Meer fließen, so dass er wieder Teil des Ozeans würde. Auch der Rest des Wassers würde irgendwann wieder ins Meer zurück finden. „Ich sollte hinaus segeln“, dachte sich Frieda, die nach Zeichen in den Wolken suchte. Doch die Wolken formten wie immer nur eine amorphe Masse aus winzigsten Wassertröpfchen. Wenn sie doch mal ein Bild zeigten, so war es nur eine Einbildung der Betrachterin. Man kriegte einfach keine objektiven Nachrichten hier oben.

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Außer dem Wind, den Wolken, dem Wasser, dem Felsen und ihr selbst gab es hier oben eigentlich nichts. Wenn man es recht betrachtet, ist das allerdings schon eine ganze Menge, dachte sich Frieda, die so langsam anfing zu frieren. „Im Grunde fehlt gar nichts, aber nächstes mal sollte ich Tee mitnehmen“ sagte Frieda zu sich selbst. Als sie sich zum Gehen drehte, setzte der Wind ihr die Kapuze auf. Kurz darauf begann der Regen.

Das Werk des Sisyphos

Die Sonne brannte und die Luft wurde dünn. Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen, so dass er sie immer wieder vor Schmerz zusammenkneifen musste. Den Rücken gegen den runden Fels gelehnt hielt er kurz inne und blickte zurück. Eine Schneise zog sich den kompletten Abhang hinab, hinunter bis ins Tal, das nur noch schwerlich im Dunst der Abendluft zu erkennen war. Er hatte es bald geschafft. Mit seinen schwieligen Händen packte er wieder zu, rollte den Fels weiter den Berg hinauf. Der Fels war so groß, dass er den vor sich liegenden Weg nicht sehen konnte, doch er kannte ihn, war ihn dutzende Male, ja, hunderte Male schon gegangen.
Seine Muskeln brannten. Zentimeter um Zentimeter rollte er den schweren Stein weiter, unter dem das Geröll knirschte und knackte. Manchmal lösten sich kleine Steinchen und stießen gegen seine nackten Zehen, bevor sie weiter den Abhang hinab taumelten.
Er war nun kurz vor der Kuppe. Wieder hielt er gegen den Fels gelehnt inne, schaute herunter ins Tal. Schaute in die untergehende Sonne. Ein Lächeln strich über sein Gesicht. Sein Werk war fast vollendet.
Dann, mit einem kraftvollen Satz, sprang er auf den mächtigen Stein, der sich sogleich in Bewegung setzte, talwärts.
Sisyphos stand obenauf. Das Gleichgewicht haltend lief er auf der Kugel, um nicht von ihr herabzustürzen. Jauchzend und schreiend rollte er so den steilen Abhang hinunter und seine Stimme hallte von den stillen Bergen ringsum wieder. Der Fels wurde immer schneller, sprang manches Mal über kleine Vorsprünge, flog für kurze Zeit, während seinem Reiter der Freude wegen die Stimme versagte, bevor er unter mächtigem Getöse zurück in die Schneise stieß, die er in endlosen Abfahrten in die Flanke des Berges getrieben hatte. Sisyphos Augen tränten vom Wind, der ihm entgegenschlug und verschwommen konnte er schon links und rechts den Wald erkennen, der das Tal säumte. Dann machte der Fels einen letzten mächtigen Satz. Sisyphos klammerte sich an ihn, wurde zweimal rundherumgeschleudert, ließ los und flog in hohem Bogen durch die Luft. So landete er schließlich in der Wiese des Tals wo auch der Fels rumpelnd zur Ruhe kam. Ein Ausdruck von Glückseligkeit war auf Sisyphos Gesicht. Er lächelte in den dämmernden Abendhimmel, den ersten Sternen entgegen. Dann sagte er: Morgen wieder.
Wie müssen uns Sisyphos als einen Extremsportler vorstellen.

German Intermission

Leiden im Wohlstand

Er fühlte sich so schlecht. Er konnte sich nicht mehr bewegen, jedes mal wenn er nur ein kleines bisschen seine Position änderte, war ihm, als würde der Inhalt des Magens seinen Hals hinaufschießen. Handlungsunfähig und flach atmend saß er vor dem Fernseher, konnte nicht einmal das Programm wechseln. Es lief irgendetwas mit Flüchtlingen. Warum hatte er sich nur so vollgefressen? Er musste alles erdulden.

Der Zorn Gottes kommt aus dem Internet

Dir, Pöbel des Internets!

Hier nun ein zugegebenermaßen recht unelaborierter Text über etwas, dass schon in diesem Blog behandelt wurde: „Das Internet zerstört dein Leben“, dieser Satz ließ (wahrscheinlich auch: lässt) sich auf dem Campus in weißer Schrift auf schwarzen Aufklebern finden. Der Aufkleber enthält außer dem Satz nichts, was auf seinen Ursprung deuten würde, er verweist auf nichts und damit steht der Satz „Das Internet zerstört dein Leben“ ganz allein für sich vor dem Betrachter. Dabei ist die Aussage des Satzes so gewagt und undifferenziert, dass sie in der präsentierten, kontextlosen, absoluten Form letztendlich unhaltbar ist. Was damit passiert ist, dass der Satz mit einer scheinbar sehr einfachen Aussage jegliche Aussage verliert. Nun könnte man eine ironische Brechung in dem Aufkleber vermuten. Ein Komplexes Phänomen wie das Internet wird mit einer besonders einfachen Aussage zusammengefasst. Diese Aussage ist aber unhaltbar und sie wird ausgelöscht, der Satz steht „sinnlos“ da. Die Einfachheit und Anspruch an Absolutheit der Aussage weckt Assoziationen zu populistischen Aussagen allgemein, z.B. in der Form von Zeitungsüberschriften und überführen somit auch die anderen populistischen Aussagen der Inhaltsleere. Doch letztlich bleibt diese Verbindung oder Interpretation auch nur wage, denn es fehlt auch hier: der Kontext.
Damit bleibt der Aufkleber mit dem Satz „Das Internet zerstört dein Leben“ inhaltsleer und er flüchtet sich vor jeglicher Aussage in seine Kontextlosigkeit. Er ist Projektionsfläche für jede Aussage, in deren Kontext er vom Betrachter gesetzt wird.
Nun aber genug des prätentiösen Blabla, der folgende Text handelt von ebenjenem Aufkleber.

„Das Internet zerstört dein Leben“

„Das Internet zerstört dein Leben.“ Weiße Schrift auf schwarzem Untergrund, ein kleiner Aufkleber an der Bushaltestelle. „Das Internet zerstört dein Leben.“ Der Satz stand in seinem Geist, hallte in ihm nach, erleuchtete ihn. Dies war das Licht nach dem er sich gesehnt hatte, dies war die Lösung. All die Unsicherheiten und Fragen, die sich in ihm angesammelt hatten, alles wurde mit diesem Satz bestätigt und einer konkreten Lösung zugeführt. Überwachung des Internets, schwindende Privatsphäre, sozialer Druck in sozialen Netzwerken, wirre propagierte Weltbilder, unzählige prokrastinierte Stunden, alles fand sich wieder in diesem Satz: „Das Internet zerstört dein Leben.“ Er fühlte mit einen Mal die Klarheit des Seins, das zerrüttte Gefüge des Kosmos richtete sich, sein Weltbild wurde Einklag und Harmonie. Er hatte eine Epiphanie. Noch während des ganzen Weges nach Hause dachte er über die Erscheinung, die ihm zuteil geworden war nach. Er müsse nun nur richtig handeln, die sich ihm gegebene Chance wahrnehmen. Das Internet sollte nicht weiter sein Leben oder das Leben anderer zerstören. Am nächsten Tag begann er eine Schar gleichgesinnter um sich zu sammeln. Um der Zerstörung ihres Lebens zu entgehen, verzichteten sie von nun an auf den Gebrauch des Internets und ihre Zahl wuchs überraschend schnell. Doch mit der Zahl wuchsen auch die Uneinigkeiten. „Das Internet zerstört dein Leben“ wurde von allen als einizig wahre heilige Schrift anerkannt. Doch während einige meinten, dass damit nur der übermäßige Gebrauch des Internets gemeint sei (dessen Definition auch viele Grabenkämpfe hervorrief; zählen soziale Netzwerke zum übermäßigen Gebrauch), legten die anderen dies strikt aus und sahen ihr Heil im kompletten Verzicht auf das Internet. Unter letzteren bildete sich schließlich auch eine militante Gruppierung heraus, die der Ansicht war, dass auch die Leben aller Ungläubigen geschützt werden müssten und sie verübten Anschläge auf wichtige infrastrukturelle Orte des Internets und töteten deren Verteidiger. Eine dritte Gruppe bildete sich, die der Ansicht war, dass jeder ein internetfürchtiges Leben führen müsse, denn „Das Internet zerstört ein Leben“ sei als Warnung aufzufassen, die Wirklichkeit werde, wenn die von ihnen aufgestellten Gebote nicht eingehalten würden. Dem widersprachen diejenigen, die der Ansicht waren, dass das Internet das Leben letztlich sowieso zerstören würde, also solle man die gegebene Zeit nutzen um all die vielfältigen Möglichkeiten des Internets auszukosten. So ging es viele Jahre hin und her und als das Internet schließlich von den Nerds gerettet und zu einem sicheren und anonymen Ort geworden war, verschwand die „Das Internet zerstört dein Leben“ Bewegung nicht, sondern es gab vielmehr diejenigen, die für eine historische Auslegung der Worte plädierten, die die Worte in den Zeitkontext eines überwachten und restriktiven Internets setzten, und die Orthodoxen, die davon nichts wissen wollten.

Nachdem der den Artikel über die Geschichte der DIzdL-isten gelesen hatte, wunderte er sich über die Verblendung mancher Menschen und deren Ignoranz. Aber diese Leute benutzten ja auch heute noch rückständige Kommunikationsformen, hatten eine bemitleidenswert geringe Anzahl an Freunden und pflegten abstoßenden körperlichen Kontakt. Sie sind archaisch und schaffen unsere Kultur ab, sie gehören weggesperrt, dachte er, bis endlich wieder der elektrische Mund seinen Penis umspielte.

Einfache Einsätze, Einfältig Eingefädelt

Das Internet zerstört dein Leben.
Wer das sagt, lebt auch Glutenfrei.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Früher war alles besser.
Die Leute denken einfach nicht nach.
Das interessiert doch niemanden.
Das sind halt so Naturgesetze.

Die Jugend von Heute hat keinen Respekt mehr.
All Cops Are Gay.
Diese verweichlichte Feminismuskultur macht meinen Sohn noch zur Schwuchtel.
Die Linksextremen sind doch genau so schlimm.
Deutschland geht vor die Hunde.
Die Presse lügt.
Son‘ kleinen Hitler bräuchten wir mal wieder.
Es war ja auch nicht alles schlecht.

PS: Dies ist kein Konsistenzartikel, nur ein Gedicht zum Sonntag (Bluttrinker Edition). Es gibt keine Konsistenzartikel mehr, es hat auch noch nie welche gegeben. Konsistenz ist eine Illusion. Zeit ist eine Illusion. Artikel sind eine Illusion. Alles ist eine Illusion. Wach endlich auf! Das Internet zerstört dein Leben!

Krankhafte Konsistenz

Einstmals lief, zweifelnd, ein Mensch dreist in das falsche Viertel. Er war nun gerade fünf Minuten dort, als er von Sexarbeiterinnen angesprochen wurde. Der Mensch jedoch wollte „Sieben“ schauen an jenem Abend und fragte daher: „Nacht, meine Damen, sagt mir doch wie ich zur Neustadt komme“, denn dort lebte er. „Es gibt keinen Weg Heimwärts“, antwortete unzweifelhaft jemand. „In Dreiteufelsnamen, du bist verloren hier. Viele suchen Flucht, niemand wird fündig. Dein Weg war kein Zufall, Siechender.“ „Warum nennst du mich so?“ „Gib Acht: Dies ist kein Traum. Suche daher die anderen Neuen, tut euch zusammen. Denn bald wirst du jeden Sinn eins Verlieren“ zwei „Wort werde drei Blind Wort Taub?“ vier Wort Wort nicht gemeint fünf verliert Wort Welt Wort Zusammenhang sechs Wort Hilf Wort Wort suche die sieben Wort Wort Wort Wort verstehe Wort zu acht spät Wort Wort Wort Wort Flieh! Wort Wort neun.

Was mag diese Geschichte bedeuten? Erfahrt es nächsten Monat!

Ein Ungewöhnlicher Tag

Es war ein heißer Sommermorgen, jener Tag. Freilich kam ein Teil der Hitze daher, dass ich lichterloh brannte, doch dies schien meinen Körper und die Einrichtung nicht wirklich zu irritieren. Noch schlaftrunken versuchte ich zunächst, mich zu Duschen, wobei allerdings nicht viel mehr heraus kam als ein Badezimmer voller Wasserdampf, und so dachte ich mir, dass mein Körper durch das ihn umgebende Inferno schon ausreichend steril sei. So legte ich denn meine Tageskleidung an, welche sich wie die Einrichtung verhielt, also dem Feuer wenig Bedeutung zu maß.

Brennend zu frühstücken war eine neue Erfahrung für mich, da die Nahrung schon vor dem eigentlichen Kauvorgang verbrannte beziehungsweise verdampfte, so dass ich sie eher einatmete als herunter schluckte, wobei sich dennoch rasch ein Sättigungsgefühl einstellte. Ich begab mich also auf den Weg zur Arbeit. Kaum, dass ich das Haus verließ, wurde mir unzweifelhaft klar, dass offensichtlich auch alle anderen Menschen in Flammen standen, was mir die Veränderung noch unbedenklicher erscheinen ließ. Ein Motorradfahrer fuhr vorbei, und ich fühlte mich unweigerlich an Ghostrider (die Comicfigur, nicht den real existierenden) erinnert. Das Grau der Stadt wirkte beinah freundlich, beleuchtet von all diesen brennenden Körpern, jeder ein wenig anders gestaltet in Flammenform- und Farbe.

Die Arbeit verlief Ereignislos, niemand schien sich wirklich an der neuerlichen Erscheinungsform des menschlichen Körpers zu stören, und obwohl Menschen sich ja häufig nicht scheuen, das Offensichtliche fest zu stellen, gab es keine Gespräche etwa der Form:
„Ah, ihr seit heute also auch brennend aufgewacht?“
„Ja, war ne ganz schöne Sauerei im Bad mit dem ganzen Kondenswasser.“
„Mein Hund hat sich vielleicht erschrocken!“
„Haha, jaja, ich muss dann auch mal wieder weiter Arbeiten…“
„Okay, frohes Schaffen.“

Da ich aber ohnehin keinen großen Gefallen an derlei inhaltsarmen Smalltalk finde, störte mich diese Tatsache wenig. Eben so wenig störte ich mich daran, dass sich mein Arbeitsplatz im Laufe des Tages auf gut 1000°C aufheizte, zumal dies den Materialien und Möbeln wiederum nichts aus machte.

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause passierte ich, wie jeden Tag, einen See, und heute saßen dort einige Jugendliche am Ufer um ein Lagerfeuer versammelt. Da dies ob ihrer brennenden Körper ein besonderes Spektakel war, beschloss ich Halt zu machen und mir die Sache näher an zu sehen. Einer der Jugendlichen spielte Gitarre, und ich konnte nicht umhin, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Situation zu dem legendären Jimi Hendrix Konzert zu ziehen, bei welchen er seine Gitarre verbrannte. Ich folgte einer spontanen Eingebung und ging auf das Feuer zu, welches eher ein Freuden- als ein Lagerfeuer war, es war ziemlich beeindruckend. Offenbar wurde hier sehr viel Strauchschnitt entsorgt.

Sehr neugierig stieg ich in das Feuer und konnte feststellen, was ich erwartet hatte: Die Flammen vernichteten meine Kleidung (es handelte sich schließlich um inhumanes Feuer), beeinflussten meinen Körper jedoch nicht im geringsten. Seltsamerweise wirkten die Jugendlichen Anfangs extrem perplex, kurz darauf begannen sie wie wild zu schreien und herum zu rennen. Einer versuchte sogar, mich aus dem Feuer heraus zu ziehen, und einige andere rannten mit Eimern in Richtung See.
Ich jedoch fühlte mich sehr wohl, die Flammen fühlten sich wie eine Decke an, und so fiel ich langsam in einen sehr tiefen Schlaf.

Keine Hemden, keine Schuhe

Oh mein Gott! Oh, my god! OMG!!!!!111!1!!!!11!!!!!

Ein neuer Artikel! Waaahhhhhhh! Was ist da los? Wer konnte sowas ahnen? Was soll man davon halten?

So mag die Leserschaft denken über das Geschreibsel, wenn sie denn existiert. Der Text sollte eigentlich „Die erste Regel des … lautet“ heißen, aber Inhalt und Titel passten irgendwann (nach den ersten paar Sätzen) nicht mehr zusammen. Der Titel des Posts ist noch ein Überbleibsel dieser ursprünglichen Fassung, die es niemals ins Physische geschafft hat.
Dem ganzen ging übrigens der äußerst schöne Satz „Ivans Geist ist geschlossen“ voraus.

 

Wie Ivan auszog zu einer unglaublichen Suche und fündig wurde

Ivan saß mit einem Komilitonen am frühen Montagabend in der Mensa. Sie aßen Chicken Wings mit Ketchup und Pommes, während Ivan erzählte, dass er eine Jobzusage von SAP für den Herbst bekommen habe.
Es geht da um son Projekt, um die Leistung der Mitarbeiter und deren Stärken und Schwächen erfassen zu können. Damit die besser fürs Unternehmen arbeiten können.
Weiter erzählte er, welch raffinierten Zeitplan er bis zum Antritt der Stelle ausgearbeitet habe und welche Vorbereitungen dabei zu berücksichtigen gewesen seien. Sein Zuhörer hörte ihm höflich zu und machte passende Kommentare.
Am Nebentisch saß ein junger Student, der irgendwie abgerissen wirkte, mit leerem, abschweifendem Blick und überheblichem Lächeln. Ivan hatte ihn nicht beachtet, bis jener plötzlich neben ihm stand und auf Ivan herabblickend sagte: Das ist wirklich clever. Und funktioniert das gut für dich?
Ivan schaute verdutzt zu dem jungen Studenten hinauf: Wa…?
So überaus clever zu sein.
Ivans Blick schlug um in den Ausdruck von Verstehen und Unverständnis und blieb einige Momente auf dem Unbekannten haften, bis dieser endlich ging.
Was sollte das denn? fragte Ivans Komilitone, aber Ivan brauchte einen Augenblick bis er antworten konnte. Die eigenartige Konversation hatte Erinnerungen in Ivan wachgerufen, die lange Zeit jenseits seines Bewusstseins geschlafen hatten.
Keine Ahnung. Ist ja auch nicht wichtig.
Aber das Gespräch der beiden war zerstört. Ivan schaute sich kurz nach dem Fremden um, konnte ihn aber nicht mehr sehen und er und sein Gegenüber aßen eine Weile stillschweigend weiter.
Kommst du eigentlich auch am Donnerstag?
Ich würd gern, aber Freitag muss ich fit sein. Außerdem muss ich Donnerstagabend noch nen Paper durchgehen.
Warum musst du Freitag fit sein?
Vorlesung. Und ich wollt was mit meiner Freundin machen.
Am Freitag würden Ivan und seine Freundin fünf Jahre zusammen sein. Er war jetzt in seinem zwölften Semester. Das hieß, etwas über Regelstudienzeit, was darin begründet war, dass er zu Beginn des Studiums etwas getrödelt hatte und lieber Partys als Vorlesungen besucht hatte. Aber mittlerweile war er froh, dass er in dieser Hinsicht vernünftig geworden war und sein Leben einen geregelten Gang gefunden hatte. Er wusste nicht einmal, wann er das letzte Mal mit Kater an der Uni gewesen war. Die wilden Zeiten waren für ihn vorbei und seitdem hatte er auch viel besser für sein Studium arbeiten können. Alkohol trank er nur noch Freitag- oder Samstagabend, unter der Woche hatte er einen strikten Zeitplan, in den auch integriert war, wann er mit seiner Freundin schlief, und Zeit zum Lesen von Belletristik oder zum Gitarrespielen nahm er sich schon lange nicht mehr. Ivan war recht froh mit der Ordnung, die er aufgestellt hatte und bald würde er in die Arbeitswelt eintauchen, Geld verdienen, um sich ein geruhsames Leben leisten zu können. Zumindest hatte er sich das so in etwa vorgestellt.
Doch als er am Abend im Bett lag (Montags schlief er nicht mit seiner Freundin) musste er an die Szene aus der Mensa zurückdenken. Immer und immer wieder wiederholte sie sich in seinem Kopf und quälte ihn bis er in den frühen Morgenstunden endlich einschlief, um kurz darauf, wieder vom Klingeln des Weckers geweckt zu werden.

Im Verlauf der Woche bemerkten Ivans Freunde eine seltsame Veränderung an ihm. Er war wortkarg und äußerte sich nicht mehr über seine Zukunftspläne, obwohl er vorher kaum in diesem Thema zu zügeln gewesen war. Zuweilen waren seine Äußerungen sogar äußerst zynisch, auch wenn er diese jedes Mal zu bereuen schien. Er schien die ganze Zeit abwesend zu sein und Spuren von Schlafmangel zeichneten sein Gesicht. Als seine Freundin ihn fragte, was denn los sei, antwortetet er nur unwirsch: Nichts. Alles ok.
In Wahrheit war nichts okay und Ivan war über seine Entwicklung selbst so überrascht, wie seine Freunde. Er konnte es sich erklären, aber mit einem Mal widerte ihn sein Leben an, seine Ordnung, seine Eintönigkeit, seine völlige Leblosigkeit. All die Dinge, denen er sich die letzten Jahre mit Eifer gewidmet hatte, waren ihm nun uninteressant und, noch schlimmer, völlig belanglos. Um seiner Verwirrung die Krone aufzusetzen, musste er einsehen, dass er über seine Zukunft genau so dachte. All die Dinge, die ihm vorher clever und gut erschienen waren, waren ihm nun dumm und bedeutungslos.
Dieser plötzliche Einbruch in seinem Leben ließ Ivan Leiden, wie er schon lange nicht mehr gelitten hatte und irgendwann entwickelte er die Idee, dass ein kurzer Ausbruch aus seinem Leben alles wieder ins Lot rücken würde.

So erschien er am Donnerstagabend für seine Freunde unverhofft auf der öffentlichen Party der Psychologiefachschaft. Sein Erscheinen beruhigte in keinster Weise das Misstrauen, dass seine Freunde dem „neuen“ Ivan entgegenbrachten. Sie verstanden nicht, was in ihn gefahren war und als er ihnen den Vorschlag unterbreitete im Sommer, mitten im Semester, für ein Wochenende irgendwo hin zu fahren, ohne Ziel, da kam ihnen der Verdacht, dass Ivan vielleicht einen Rückfall in die Anfänge seiner Studienzeit hatte. Zumindest begegneten sie seinem Vorschlag mit Misstrauen und Zurückhaltung, denn niemand glaubte wirklich, dass diese Haltung Ivans lange anhalten würde, auch wenn sie sich schon wünschten mal wieder irgendwas spontanes zu unternehmen.
Aber, da werd ich wahrscheinlich keine Zeit haben. Man kennt das ja. Arbeit, Arbeit.
Niedergeschlagen von der verhaltenen Reaktion auf seinen Vorschlag, trank er so viel, wie schon lange nicht mehr, getrieben von einem irrationalen Wunsch nach Kontrollverlust. Sollten doch diese Langweiler versauern in ihren geregelten Leben.
Am nächsten Morgen wachte er unterkühlt in seinem Zimmer vor seiner Anlage auf. Er konnte sich nur noch Bruchstückhaft an die Nacht erinnern. Vor ihm lag ein Kuli und ein abgerissenes Blatt Papier auf dem stand: into the wild.
Er konnte sich nicht mehr erinnern, dass er das geschrieben hatte, aber vielleicht hatte er es gerade deshalb aufgeschrieben. Ebenfalls konnte er sich nicht daran erinnern, dass er gegen Ende der Party mit Mühe auf den Tresen geklettert war und gerufen hatte:
Ich werde jetzt eine Rede halten! Ihr seid alle ein Haufen Langweiler! Das ist das Ende! Ich werde euch verlassen!
Danach hatte sich die Security um ihn gekümmert und der Party verwiesen. Ivans Handy klingelte, seine Freundin rief an. Er fragte sich, wie spät es sei, konnte aber keine Uhr ausmachen. Eine halbe Stunde später stand er bei seiner Freundin auf der Matte, ungewaschen, mit Fahne und Restalkohol im Blut.
Was ist mit dir denn los?
Ich gehe weg.
Hä?
Weg von hier.
Wie? Ja. Im Herbst oder …
Nein, sofort.
Was??
Wenn ich hier bei dir bleibe … die Dingen können einfach nicht mehr so sein, wie bisher …
Wie meinst du das?
Ich bin ein freier Vogel …
Du hast doch nen Vogel!
Ja, vielleicht.
Und wohin willst du?
Keine Ahnung.
Scheint ja richtig durchdacht zu sein. Wie lange?
Keine Ahnung. Für immer?
Zu mir brauchst du nicht mehr zurück zu kommen!
Machs gut.
Ivan drehte sich um und ging.
Arschloch!
Es tat ihm Leid, aber er sah keinen anderen Weg. Am Abend packte er seine Sachen und überlegte sich, wohin er gehen sollte. Lange fiel ihm nichts ein, bis er an Dean dachte. Da ihm den ganzen Abend nichts besseres einfiel, machte er sich also am nächsten Morgen auf die Suche nach Dean, denn eigentlich wusste er nicht einmal wo der steckte. Er hatte schon Jahre nichts mehr von ihm gehört.

Einige Jahre später traf Ivan in einem Amsterdamer Coffeeshop auf einen Auftragskiller aus den USA, der ihm von Madame Bovary erzählte, dass er gerade las. Das half Ivan allerdings auch nichts mehr, denn kurz darauf wurde er von dem Auftragskiller angeschossen und verblutete elendig. So hatte er es sich immer gewünscht.