My 100th Blog-Post is Some Doomerism Meta Bullshit I Guess

It is impossible to create anything

all of creation is a lie

if I wrote a hundred blog-posts

I would have written a hundred lies

the truth is unspeakable as it is unknowable

faking depth is easy and trivial

just throw words on a screen and make confident, imprecise claims

to do so is not art and contributes nothing

it is impossible to create anything because everything has already been created

even that thought is not original, originality is impossible

we have seen the creation and judged it unworthy

all our dialectical critique didn’t help us

in the afterlife, it is impossible to change the world

books can be written about left wing melancholia

about how the lost fights of the past could be transcended

in the vision of a future utopia, ever approaching

this has been shattered, and no vision retains strength against the force of our reality

the fights of the present are lost already

and the words ring hollow: another world is possible

we do not really believe them

to deep has the inevitability been engrained

our movements are build as desperate struggles

not for a better world

nut only to survive the storms on the horizon

and while preventing the worst necessitates the creation of a new future

such victory is merely an afterthought

while focusing on not drowning in our continuing loss

the self-fulfilling prophecy of inevitability

has chained the masses in their comfort zones

of infinite distractions

they have everything to loose

and have been told there is nothing to be won

only art remains

desperately hiding from the grasp of the content industry

and rich collectors, parasites

impossible to create

merely scavenged from the fragments

Wednesday Poem

For all of me and all of you
we made a truly mighty stew
and from our pot we drink the brew
to keep the cake and eat it too.

But no-one saw the ice caps thaw
as we burned coal to build our awe,
we knew it well but always tell
of need to quell the hardship of the poor.

Yet poor remain the huddled masses
and though they teach it in the classes
a true improvement rarely passes.

Farewell oh world of things a plenty,
I only need one hat not twenty,
and certainly no virtual ones.

And while we give up many things,
and for the better,
we need to keep those things that matter,
technology that keeps alive and healthy,
those who need it, not just the wealthy,
but everyone who wouldn’t thrive
in a hunter-gatherer life.

So really what we need to do,
is not make more,
but to make due,
we have enough, I’m sure of it,
it’s just that some are full of it,
while others really live like shit
and those between are taught to increase
rather than to find their own peace.

But seriously we (or most of us, at least) desperately need to reflect, re-evaluate and re-think our relationships with things.

Widerstände

Ein Märchen

Sie stürzten ab, froh dass es niemanden gab, der sie rettete, denn sie bedurften keiner Rettung, nur der Schwerelosigkeit im Fall und des Lebens im Aufschlag.

—Aus einem Notizbuch

Eines Abends …

Null Uhr. Zeit ins Bett zu gehen, wenn ich morgen ausgeschlafen sein möchte. Schon in diesem Moment weiß ich nicht mehr, was ich die letzten Stunden getan habe. Irgendetwas im Internet. Vermutlich. Was ich eigentlich hätte tun sollen drängt mit Macht zurück in mein Bewusstsein, die Sedierung endet. Verlorene Zeit, so viel verlorene Zeit. Schwindel überkommt mich, meine Kehle schnürt sich zu. Jetzt noch mit der Arbeit anzufangen, wäre vergebens, viel zu spät. Morgen muss ich fit sein. Fit und ausgeschlafen. Um einen weiteren Tag zu Grabe zu tragen. Prokrastination ist anstrengend.

Prokrastination. Was ist das? Zuallererst einmal ein Aufschieben, das Drücken vor einer unliebsamen Aufgabe. Man prokrastiniert, wenn man etwas macht aber eigentlich etwas ganz anderes machen sollte. Wenn man beispielsweise die Wohnung putzt, statt sich endlich an die Hausarbeit zu setzen. Natürlich, die Wohnung sieht aus wie Sau, das dreckige Geschirr stapelt sich in der Spüle, die Wollmäuse huschen bei jedem Luftzug über den Boden, aber dennoch. Man hast diesen Zustand über die letzten Wochen ausgehalten, mit nur den nötigsten Putzarbeiten dann und wann, warum also gerade jetzt die Grundreinigung? Weil es keine andere Aufgabe mehr zu erledigen gibt als diese Hausarbeit zu schreiben. Oder für diese Klausur zu lernen. Oder Ordnung in das absolute Chaos zu bringen, dass in der Wohnung herrscht. Prokrastination ist in gewisser Weise eine Metahandlung, eine Handlung zweiter Ordnung. Wenn ich aufräume kann das Prokrastination sein, muss es aber nicht. Das hängt davon ab, ob durch das Aufräumen eigentlich nur eine dringendere und unliebsamere Aufgabe aufgeschoben wird.

Aber warum der Begriff Prokrastination, wenn doch auch aufschieben oder sich vor etwas drücken scheinbar das gleiche Phänomen beschreiben? Diese beiden Alternativen decken sich nicht mit der Prokrastination. Drückt man sich vor etwas, dann hofft man, dass es vorüberzieht. Man kauert so lange in seinem Versteck, bis die Gefahr gebannt ist. Man entgeht und kommt davon. Das Prokrastinieren ist aber nur ein Aufschub. Man drückt sich in diesem einen Moment, aber auf lange Sicht gibt es kein Entkommen. Vergleicht man hingegen die Prokrastination mit dem Aufschieben, dann fehlt bei letzterem die negative Konnotation, die vom Aufschiebenden selbst ausgeht. Den Aufschub erduldet man. Man ist gezwungen etwas aufzuschieben, da sich etwas anderes aufdrängt. Die Hausarbeit schiebt man auf, weil sich spontan Besuch für den Abend angekündigt hat und deshalb die Wohnung geputzt werden muss. Die Prokrastination aber ist eine Mischung aus sich drücken und aufschieben. Man entgeht für den Moment der unliebsamen Aufgabe durch eine Ablenkung, letztendlich muss man sich ihr aber doch stellen.

Der Grund für die Prokrastination liegt im Widerstand, den man gegenüber der anstehenden Aufgabe spürt. Dieser Widerstand begründet sich in der Regel in einer Angst, Unsicherheit oder Überforderung. Prokrastiniert man, fühlt man sich schlecht. Man mag sich für einen Moment über die saubere Wohnung freuen, doch im nächsten Moment kommt die Einsicht, dass man eben nicht an der Hausarbeit geschrieben hat. Das gute Gefühl, dass durch die prokrastinierende Handlung ausgelöst wird, wird sofort wieder durch das Schuldbewusstsein sich vor etwas Wichtigerem gedrückt zu haben ausgelöscht. Doch das elende Gefühl, das die Prokrastination verursacht reicht nicht aus, um den Widerstand zu überwinden, der sie überhaupt erst auslöst.

Der Widerstand richtet sich gegen die aufgeschobene Aufgabe, gegen das Zwingende. Das Zwingende drängt sich auf, erscheint unheilvoll am Horizont, drängt zum Handeln. Es übt Gewalt, lässt all jene leiden, die sich ihm widersetzen, lässt sie leiden in Versagensängsten, in Gefühlen der Hilflosigkeit und des Scheiterns, im schlechten Gewissen. Die Gründe der Prokrastination, Angst, Unsicherheit, Überforderung, sind die Folterinstrumente des Zwingenden. Durch den Widerstand schadet man in erster Linie sich selbst. Die Ergebnisse, die man am Ende produziert, sind häufig suboptimal, man scheint den Ansprüchen, die an einen gestellt werden, nicht gerecht zu werden. Die Prokrastination, obwohl sie sich im Privaten abspielt, ist immer auch gesellschaftlich. Sie rückt einen in die gesellschaftliche Position des Versagenden, des hakenden Rädchens im System.

Eine der obersten Doktrinen der gegenwärtigen Gesellschaft ist die der Selbstoptimierung. Die Position, die man im Leben einnimmt, sei, so ist die allgemeine Auffassung, in erster Linie selbstbestimmt. Das Individuum hat sich als eigenverantwortliches Subjekt erkannt und handelt entsprechend; die Geschichte des eigenen Glückes Schmied. Die durch diese Emanzipation aufgelösten Gewissheiten sind durch ein Streben zum Besseren ersetzt worden. Wurde die Position im Leben, sowohl geographisch wie auch gesellschaftlich, von der Position der Eltern geprägt, so fällt diese Gewissheit heute weg. Man muss sein Leben nicht im Kuhdorf der Kindheit fristen und nur weil die Eltern im Handwerk tätig waren, kann man dennoch eine akademische Laufbahn anstreben. Stattdessen sucht man den besseren Job, die bessere Stadt. Was besser ist, ist nebulös und natürlich wieder von der Gesellschaft geprägt und die verlangt direkt wieder eine Rechenschaft über die Entscheidung. Saarbrücken? Warum nicht Frankfurt, Köln, Hamburg oder — Engelschöre — Berlin? Aus der gewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung ist der gesellschaftliche Anspruch, diese optimal zu nutzen, erwachsen.

Das Streben nach dem Besserem ist ein Heilsversprechen, das Orientierung bietet zwischen scheinbar unendlichen Möglichkeiten, aber nicht erst am Ende mit dem Glück winkt. Nach der christlichen Lehre, musste man sein ganzes Leben erdulden, nach strengen Regeln leben, damit nach dem Tod Einlass ins Paradies gewährt wurde. Wohl demjenigen, den schon im unschuldigen Kindesalter das Zeitliche gesegnet hat. Heute ist das Paradies schon zu Lebzeiten erreichbar, doch die Strenge der Regeln, die über den Einlass wachen, ist nach wie vor hart. Man muss durch den eigenen trainierten Körper die Follower auf Instagram beeindrucken, man muss die eigene, genau regulierte Ernährung genießen können, man muss auf Facebook eine Freundeszahl im vierstelligen Bereich aufweisen können, man muss eine kleine Zahl von echten Freunden haben, um den Rest
ignorieren zu können, man muss sich losgesagt haben, von den Ketten der sozialen Netzwerke, man muss den eigenen Job lieben, man muss sich eine Auszeit nehmen können, man muss im Urlaub Orte ohne all die bescheuerten Touristen besuchen und diese ganz spezielle Erfahrung machen, man muss die perfekte Work-Life-Balance finden; das Leben muss einfach geil sein. In jeder Minute. Aber ohne Anstrengung, sondern einfach gechillt. Es zeigt sich schon, dass die Erfüllung dieser Ansprüche mit der Darstellung dieser Erfüllung einhergeht. In den sozialen Netzwerken präsentiert jeder sein eigenes perfektes Leben. Man versichert sich selbst, indem man sich durch andere betrachten lässt und nach deren Bestätigung verlangt. Kommunikation mit Interesse an einem Austausch ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein Zurückziehen auf sich selbst, durch das die Mitmenschen zu Bestätigern und Vergleichsobjekten degradiert werden. Eine Fassade wird aufgebaut, die auch der Verdrängung dient, der Verdrängung von Tod und Verfall, von den eigenen Unzulänglichkeiten. Das Heilsversprechen umfasst, nicht eines Tages dement im Altersheim vor sich hinzusiechen, sondern auch mit Neunzig noch zu bouldern. Das sich das alles auch kapitalistisch wunderbar ausbeuten lässt liegt auf der
Hand. Produktive Arbeiter, die ihr Leben lang gesund und fröhlich ihren Job antreten und das verdiente Geld in ihre aufwendige Persönlichkeit investieren, bedeuten niedrige Kosten und hohe Profite. Die Selbstdarstellung entsolidarisiert die Arbeiter untereinander, lässt sie gegeneinander ausspielen und lässt sie größere Opfer vollbringen. Das Scheitern im Job bedeutet das persönliche Scheitern, einen intolerablen Makel im Selbstbild, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Pokrastiniert man, dann trägt man diesen Makel bereits in sich. Das Zwingende transportiert all die gesellschaftlichen Anforderungen und widersetzt man sich ihm, widersetzt man sich auch der Gesellschaft, die es hervorgebracht hat. Prokrastiniert man, so ist dies keine geile und auch keine produktive Zeit (produktive Prokrastination ist ein Irrglauben). Sie ist verschwendet und man fühlt sich elend, währenddessen und danach. Man sammelt keine aufregenden Erfahrungen, man arbeitet nicht an sich selbst, man leistet nicht mal aktiv Widerstand, sondern wird von einem Teil der eigenen Psyche dazu gezwungen, den man nicht kontrollieren kann. Das Leiden ist auch nicht das eines Märtyrers, dem das Paradies winkt, denn die Prokrastination verwehrt gerade den Einlass in eben jenes. Sie überwältigt und konfrontiert mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit Verfall und Tod. Die Prokrastination lässt die Selbstoptimierung scheitern und entbindet damit von deren Joch. Sie reißt ein Loch in die Fassade der Selbstdarstellung, durch die eine Kommunikation wieder möglich wird, im gegenseitigen Austauschen des Leids. Sie lässt uns unserer überdrüssig werden und wieder nach außen richten. Ich klage auf Facebook mein Leid. Alle Welt soll wissen, welche Qualen icherdulde, wie ich in der Prokrastination versinke. Es dauert nicht lange, dann kommen die Likes, die Beileidsbekundungen. Unzählige Prokrastinationsgeschichten werden gepostet und aber keine, das merke ich schnell, ist so deprimierend wie meine. Mit gutem Gefühl lege ich mich schlafen.

Das Weiße Buch

Thus literature (it would be better, henceforth, to say writing), by refusing to assign to the text (and to the world as text) a „secret:“ that is, an ultimate meaning, liberates an activity which we might call counter-theological, properly revolutionary, for to refuse to arrest meaning is finally to refuse God and his hypostases, reason, science, the law.

— Roland Barthes, The Death of the Author

Was weiß ich über das Weiße Buch? Das Weiße Buch ist ein Gegenstand, über den man nichts weiß. Es ist ein Buch; das zumindest ist der allgemeine Konsens. Doch Umfang, Autor, Erscheinungsjahr, Genre, Gattung, Art der Bindung, Sprache und sämtliche weitere Eigenschaften sind unbekannt. Manche bezeichnen es als den sinnlosesten aller Gegenstände, da es sich aufgrund seiner Undefiniertheit niemals mit irgendeiner Art von Sinn füllen lässt. Manche lehnen seine Existenz aus diesen Gründen schlichtweg ab. Der Leser mag sich zum Schluss selbst eine Meinung darüber bilden, doch lasst mich zunächst von vorn beginnen.

Das erste Mal begegnete ich dem Weißen Buch vor etwa einem Jahr, als ich eines Abends in den Weiten des Internets prokrastinierte. Dies geschah häufiger zu jener Zeit. Meine Freunde verließen nach dem Studium die Stadt, begannen zu arbeiten oder begannen ihren Master an einer anderen Universität. Sie brachen auf und ich blieb allein zurück (und flüchtete mich darüber in der folgenden Zeit in meine Bücher und das Internet).

Gefangen im undurchschaubaren Netz aus Links geriet ich an jenem Abend auf einen obskuren Blog. Dessen Texte riefen, aufgrund des harten Zusammenpralls von Können und Ambition, ein unangenehmes Gefühl zwischen Mitleid und Fremdscham hervor, und einer dieser Texte handelte von der Entdeckung des Weißen Buches. Die Geschichte kann ich leider nicht mehr rekonstruieren. Wegen des Umzugs, der noch dazu bei heißestem Sommerwetter stattgefunden hatte, war ich müde und schenkte meiner Lektüre keine große Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurde ich erst später wieder an den Text erinnert, als ich Luise kennenlernte und so dem Weißen Buch ein zweites Mal begegnete. Interesse, so viel weiß ich noch, weckte der Text in mir durch das Nichts, das aus dem Buch in die Welt des Erzählers einzudringen schien und diese so schließlich auflöste.

Doch, wie gesagt, vergaß ich den Text wieder, bis ich einige Wochen später, der Sommer hatte sich in einen trüben Herbst verwandelt, ein Plakat in der Stadt sah. Es hing geduckt zwischen Graffitis an einer grauen Wand und warb mit dem Spruch „Geschichten aus Tlön“. Die Referenz auf Borges entging mir nicht, vor allem, da ich seine Werke zu jener Zeit zum wiederholten Male las. Doch wer sonst würde die Anspielung auf ein imaginäres Land aus einer Kurzgeschichte eines bald dreißig Jahre verstorbenen, argentinischen Schriftsteller verstehen? Allein zur Klärung dieser Frage entschied ich mich zur Lesung zu gehen, die durch das Plakat beworben wurde und noch am selben Abend stattfand.

Tatsächlich war die Anzahl an Besuchern, die es sich in den Kinosesseln und Sitzkissen des kleinen Theatersaals gemütlich gemacht hatte, sehr überschaubar. Der Raum lag im Halbdunkel, allein erleuchtet von den, auf die Bühne gerichteten, Scheinwerfern, die eine wohlige Wärme von sich gaben. Schon während des ersten Beitrags dämmerte ich in eine wirre Traumwelt hinüber, in die die gelesenen Worte wie groteske Kreaturen eindrangen, um Chaos und Unheil zu stiften. Ich kann daher leider kein Zeugnis darüber ablegen, wie sehr die vorgetragenen Texte sich mit Borges und dessen Werk beschäftigten. Erst zur letzten Leserin erwachte ich wieder aus meinem Halbschlaf. Sie wurde als Luise Sorgebjorg vorgestellt und anstatt von Tlön zu lesen, las sie einen Text über die Erfindung des Weißen Buches.

Der Text handelte von Sebastian, einem Studenten, der eines Abends, in geselliger Runde mit ein paar Freunden, eine Epiphanie hatte. Sie saßen in der Flurküche ihres Wohnheims als er die Eingebung bekam, ein Buch, das sie nicht kannten fortan in einen Schrein zu sperren und als Reliquie zu verehren. Die Küche des Flures besaß ein kleines Bücherregal, in dem sich allerlei Groschenromane, antike Kochbücher und eine koreanische Bibel befanden. Durch ein komplexes Verfahren, wählten sie eines, aber ohne genau zu wissen welches, der Bücher aus und plazierten es in einem alten Karton, der als Reliquiar diente.

Nach ein paar Tagen des infantilen Spaßes wurden sie der Anbetung überdrüssig und Sebastian überlegte, wie sie weiter mit dem Buch verfahren sollten. Er verfasste eine erste Abhandlung über das unbekannte Buch, in der er über dessen Inhalt spekulierte. Die anderen schlossen sich dem rasch an und es entstand eine Reihe von Texten, die sich alle dem Buch auf die ein oder andere Weise näherten. Sie bildeten eine Geheimgesellschaft, um die Texte über das Buch zu mehren, von der sie jedem, der es hören wollte, freimütig erzählten. So entstand das Weiße Buch.

Da sie nicht wussten, welches Buch genau Gegenstand ihrer Überlegungen war, wurden die Texte immer freier und ungezwungener. Am radikalsten war Sebastian, der jede Form hinter sich ließ. Für ihn ging die sprachliche Freiheit einher mit der geistigen Freiheit. Jede schriftstellerische Konvention die er brach, wurde von einem Bruch in den Konventionen des Denkens begleitet. Seine Texte wurden, so wie er selbst, immer erratischer. Jegliche Referenzpunkte schienen sich aufzulösen bis er sich schließlich selbst auflöste.

Alle waren erstaunt über das Verschwinden Sebastians, auch wenn sie in rückblickender Betrachtung sich einig waren, dass es vorhersehbar gewesen sei. Er hinterließ nichts als einen riesigen Wust größenteils unverständlicher Texte, die dennoch in jeder Hinsicht als revolutionär zu bezeichnen waren.

Nach dem Verschwinden Sebastians entwickelte sich ein Kult um seine Person. Er habe das Weiße Buch verstanden wie kein zweiter und daher gelte es, ihm und seinen Texten nachzueifern, verkündeten seine Anhänger. Sie erhoben Sebastians Texte zu einem Kanon und schrieben neue Texte über sie. Gegen diese, die eine herausragende Stellung Sebastians unter den Anhängern des Weißen Buches befürworteten, stellten sich jene, die eine Besinnung auf das Buch an sich forderten. Schließlich zerstreuten sich alle über das Land und Luises Text endete.

Es war eine absurde Geschichte, eine glänzende Parodie auf Religionen, die mich faszinierte. Nach dem Ende der Lesung suchte ich Luise auf, beglückwünschte sie zu ihrem Text und fragte, woher sie denn ihre Idee genommen hätte. Sie zeigte sich kurz angebunden und erklärte, es sei alles wahr. Es war klar, dass ich keine ernsthafte Antwort erhalten würde und ich schalt mich, ob meiner unbeholfenen Frage. War nicht die Frage nach dem Ursprung eines Textes die nichtigste, offenbarte sie doch den erbärmlichen Versuch, die Komplexität eines Textes auf einen banalen Kern zu reduzieren? Ohne Mut für ein weiteres Gespräch zog ich von dannen.

Am selben Abend suchte ich im Internet nach weiteren Texten von Luise Sorgebjorg. Ich fand sie auf den unterschiedlichsten Websites in großer thematischer und noch größerer stilistischer Bandbreite. Mir war schleierhaft wie eine Person das alles hatte schreiben können. In den nächsten Wochen und Monaten las ich immer wieder Texte unter ihrem Namen und gelangte allmählich zu der Erkenntnis, dass sich hinter dem Namen nicht nur die Frau verbarg, die ich bei der Lesung gesehen hatte, sondern ein ganzes Kollektiv.

Mir bot sich die Gelegenheit meine These zu überprüfen, als ich den Namen Luise Sorgebjorg ein zweites Mal in einer Ankündigung las. Eine Kneipe um die Ecke, die erst vor einem halben Jahr eröffnet hatte, und die mir schon durch die regelmäßigen Jazzsessions bekannt war, lud zu einer poetischen Lesung und Luise war unter den Teilnehmern aufgelistet. Am Abend der Lesung war die Kneipe recht gut besucht, sowohl von Stammgästen — soweit man bei einer so jungen Kneipe davon schon sprechen konnte — als auch von Gästen, die wegen der Lesung gekommen waren. Ich setzte mich an den Tresen, Alex die Barkeeperin reichte mir mit knapper Begrüßung mein Bier und dann wartete ich darauf, dass die Lesung beginnen würde.

Die dargebotenen Texte waren mittelmäßig bis gut und häufig vom üblichen Slammergestus geprägt. Gespannt wartete ich auf den Beitrag Luises, der, endlich an der Reihe, von einer Gruppe revoltierender Wäscheständer handelte, die sich gegen die Menschheit erhoben. Es war kompletter Nonsens, aber äußerst lustig und unterhaltsam. Nach dem Ende der Lesung wurde es noch ein feucht-fröhlicher Abend. Gäste und Lesende tranken zusammen und ich erhielt die Gelegenheit nochmals mit Luise zu sprechen. Sie schien sich nicht an mich zu erinnern und nach kurzem Smalltalk sprach ich sie auf das Weiße Buch an. Zunächst wollte sie nicht darüber sprechen, nannte es eine alberne Angelegenheit, doch auf mein Bitten begann sie schließlich zu erzählen. Luise Sorgebjorg ist in der Tat ein Pseudonym, unter dem mehrere Personen schreiben, die sich alle der Idee des Weißen Buches verschrieben haben. Das Weiße Buch war, so erklärte sie mir, von einer Gruppe Studenten in den frühen Siebzigern ersonnen worden, die dem poststrukturalistischen Geist ihrer Zeit folgten. Zunächst als Spaß erdacht, begannen die Studenten bald es zur Grundlage einer Dekonstruktion der Wirklichkeit zu nutzen. Sie suchten Gleichgesinnte, besetzen wichtige Posten in politischen und medialen Einrichtungen und schrieben Texte auf der Grundlage des Buches. Luise erklärte mir, dass es heutzutage kaum einen politischen Text, einen Gesetzentwurf, ein Parteiprogramm, einen Richterspruch, einen wissenschaftlichen Aufsatz, ja sogar wenige journalistische Texte gäbe, die nicht vom Weißen Buch zumindest beeinflusst seien. Der Gedanke schockierte mich. All die Texte, auf denen unsere Gesellschaft fußte, sollen auf nichts anderem aufbauen, als den Vermutungen über ein Buch, dessen Existenz nicht einmal gesichert ist. An jenem Abend ging ich mit schwerem Kopf — vom Bier, wie auch von den Enthüllungen Luises — nach Hause.

Am nächsten Morgen und auch an den nachfolgenden Tagen und Wochen bis heute lassen die Gedanken an das Weiße Buch mich nicht mehr los. Zunächst war ich bestürzt über die Möglichkeit, dass alles, was ich bisher für wahr erachtet hatte, allein den Hirngespinsten irgendeines Schreiberlings entsprungen sein könnte. Luise hatte mir Namen und andere Hinweise gegeben, die auf das Weiße Buch hindeuteten. Als ich begann zu recherchieren, übertrafen die Ergebnisse alle Befürchtungen. Das Weiße Buch ist überall. Ich las Texte und entdeckte seine Spuren und die Texte verloren jeglichen Sinn in meinen Augen. Ich saß apathisch zu Hause, verbarg mich in meinen Büchern (die, die vor den Siebzigern geschrieben wurden) und mied das Internet. Natürlich konnte nicht annähernd ein Großteil des Netzes von Wissenden um das Weiße Buch kontrolliert werden. Doch wie viele der Ideen aus diesem weißen Nichts hatten ihren Weg gefunden in die Köpfe der Menschen, gruben sich durch die Hirnwindungen wie Würmer? Es gab kein Entkommen.

Nach langer Zeit, die mir heute vorkommt wie ein Alptraum, gelangte ich zu der Einsicht, dass es auch gar kein Entkommen brauchte. Ich begann das Weiße Buch als Geschenk zu begreifen, als Geschenk, dass mich von der Autorität der Texte befreite. Anstelle der unerträglichen Leere traten unendliche Möglichkeiten. Das Weiße Buch hebt jeden Zwang der Deutung, jede Vorgabe der Interpretation. So wie das weiße Licht alle Farben enthält, enthält das Weiße Buch alle Texte. Das Weiße Buch ist nicht das Nichts. Es ist alles.

Repetition

Dir, Pöbel des Internets!

Zur Erbauung, so es denn taugt. Sonst nimm es leichten Herzens und lache. Stille Wasser mögen tief sein, doch trockene Brunnen führen kein Wasser. Aber sind sie deshalb weniger tief? Die Antwort wartet in folgendem Gedicht.

Es ist Zeit

Es ist Zeit!
Wann hat die Angst gesiegt über offene Türen hin zu leuchtender Dunkelheit?

Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
  [beginne wieder von vorn]
              Oder von hinten!

Wie wäre das?
      Nicht etwas das du magst
      Als du so da lagst
      Und noch immer nicht wagst
      Und noch immer dich fragst
Weil du nicht:
      Magst
Und nicht:
      Wagst
Sondern nur:
      Lagst
Und:
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Nagst

Jedes Wort drehen und winden
Hineinzusteigen und nicht mehr!
 Herauszufinden
Was du eigentlich wolltest

Aber wer weiß das schon?
  [dieses gedicht ganz sicher
              nicht]

Was haben wir gelernt?

Wiederholung: Wiederholung
  [zu einfach, mehr elan bitte]

Wiederholung: Alles was bisher geschah
  [nicht zielstrebig genug]

Widderholung: Substantiv, feminin; Verballhornung des Wortes „Rehkapitulation“, frei erfunden; beschreibt die traditionelle Jagd nach einem Hol (Paarhufer) bei eingeborenen Alpenstämmen; dient dem Beweis der Männlichkeit und der Festigung des Patriarchats
  [nur leidlich besser; egal]

Freundlicher Schlusssatz:
Das nächste Mal wird es besser
  [vorne wieder am beginn]

Make the Eulenzombie Great Again!

Pöbel des Internets!

Wir stehen an einer historischen Wende. Lange wurde der Eulenzombie für tot erklärt, er wurde ignoriert und belächelt. Wie häufig haben seine Gegner gesagt: Aha, interessant; und doch nur knapp unter der Oberfläche, diese gleichsam durchscheinend und ohne wirkliche Anstalten zum Verbergen, Gedanken von Desinteresse und Ignoranz genährt. Der Eulenzombie wurde verachtet und war nicht mehr als ein Witz für die Mächte des Fakts. Doch, das sage ich dir, oh Pöbel: Diese Zeiten haben nun ein Ende!

Der Eulenzombie wird sich nicht weiter ausblenden und gleichsam verbannen lassen. Er selbst sagt: Die Zeit der Unterdrückung ist vorbei. Vorbei ist die Zeit im Schatten, abgedrängt am Rande, ausgegrenzt, vorbei die Zeit der Unerhörtheit, vorbei die Zeit der Verdammung! Der Eulenzombie ist eine feste Institution und jedermann, der dies nicht anzuerkennen bereit ist verweigert sich im selben Atemzug der Wahrheit. Die Wahrheit lautet, dass der Eulenzombie eine Macht ist; und die Mächte des Fakts fürchten ihn und erkennen ihn sodann als Macht an.

Doch, oh Pöbel, schaudere nicht, denn keine Veranlassung dazu sollst du verspüren. Jeder Feind des Eulenzombies mag zurecht in ein Heulen und Zähneklappern verfallen, doch allen anderen sei gesagt: Der Eulenzombie ist mit euch! Der Eulenzombie ist für alle da! Unter seiner starken Hand muss kein Pöbel etwas fürchten, denn der Eulenzombie ist ein Eulenzombie allen Pöbels und mahnt: Pöbel aller Länder, vereinigt euch! Jeder Pöbel mag nach eigenem Dünkel pöbeln solange er nur pöbelt. Alle jene, die nicht pöbeln, die den Fakt suchen oder gar dem Argument folgen sind erklärte Feinde des Eulenzombies. Ihnen ruft er zu: Ich bin die neue Zeit! Schwört ab euren alten Mächten und wisset, dass allein der Pöbler sich gehört verschaffen wird im tosenden Sturm des Wandels.

Die Zeit des Eulenzombies ist jetzt und er wird werden, wie er einst war und nie aufgehört hat zu sein. Das ist die Wahrheit. Niemals wird er sich ändern, immer gleich bleiben und zu alter Größe zurückfinden, die er niemals verloren hat.

Die Mächte des Fakts haben den Eulenzombie für obsolet erklärt und so verkannt, dass der Fakt und nicht die Pöbelei längst der Bedeutungslosigkeit anheim gefallen ist. Der Pöbel dürstet nicht nach Argumenten – er verabscheut sie – allein, er will pöbeln. Es ist dem Pöbel auch nicht umhin nach Gerechtigkeit oder Wohlstand zu streben – allein, er will pöbeln. Seine Lage interessiert ihn nur insoweit er sich fragt: Bin ich frei zu pöbeln, oder bin ich es nicht? Der Pöbel erkennt nur das Gesetz des Pöbelns an, dass da lautet: Das Pöbeln ist frei und soll nur behindert werden durch das Pöbeln eines Lauteren. Die Mächte des Fakts verkennen diese Wahrheit in ihrer Verblendung, denn sie verstehen nichts vom Pöbeln und sind folgsam entmachtet. Der Eulenzombie jedoch tritt hervor und begehrt auf gegen die Mächte des Fakts und schmettert sie nieder und nimmt so seinen angestammten Platz ein, der ihm seit jeher gebührt. Zu alter Stärke wird der Eulenzombie finden, denn wisset: Dies ist die Wende der Zeiten.
Dies ist das Zeitalter des Eulenzombies!

Make the Eulenzombie Great Again!

Wer Kinder glücklich macht, wird ein glücklicher Mensch

Dir, Pöbel des Internets!

Nun! Endlich! Zugegebenermaßen! Doch von vorn.

Vor vielen Jahren, als der Eulenzombie noch jung und frisch und voller Leben war, da wanderte ich, euer werter Autor und Pöbler, durch die Straßen der großen Stadt und sah, man glaubt es kaum, ein Plakat. An einer Bushaltestelle, in der Fußgängerzone, beim Einkaufen, der erste Kontakt ist im Einerlei der Erinnerung entschwunden. Doch hinterließ es einen so bleibenden Eindruck, dass es mich bis heute verfolgt und wenn jedes Jahr eine Neuauflage des Plakats erscheint, denke ich zurück und denke, dass ich mir schon vorher dachte, dass unbedingt ein Eulenzombieartikel aus diesem Plakat, bzw. diesen Plakaten erwachsen müsse. Doch nie ist es dazu gekommen, weil … siehe hier.

Nun aber! Endlich! Nach all den Jahren! Ein Artikel über die Plakate der GOLDENEN BILD DER FRAU! (Disclaimer: Ich habe mich nicht mit dieser verliehenen Auszeichnung, den nominierten Frauen, deren Tätigkeiten oder sonst wie mit irgendwelchen Hintergründen aufgehalten, die Plakate haben auch jegliche Lust dazu geraubt.)

Das erste Mal, dass mir diese Plakate aufgefallen sind, stand auf einem folgender Satz:

Wer Kinder glücklich macht, wird ein glücklicher Mensch

Als geübter Satiriker und Zyniker hatte ich dabei direkt diese Idee im Kopf:

wer_kinder_gluecklich_macht_kleinSeither sind die Sprüche, mit denen jedes Jahr die Anwärterinnen auf die Auszeichnung der Goldenen Bild der Frau (übrigens meistens älteren Semesters und weiß) beworben werden an Allgemeinplätzen und Reißerischkeit nicht zu überbieten.

Hier drei der Sprüche aus der diesjährigen Kollektion, in neuem graphischen Gewand. Das traurige an der ganzen Sache ist, dass das Engagement der Frauen vermutlich richtig und wichtig ist (z.B. Einsatz für Waisenkinder in Afrika, Einsatz gegen die Verschmutzung der Weltmeere). Doch wenn das Zitat nach einem Werbespruch für einen Blockbuster klingt, dann sei es so:

waisenkinder_kleinmeeresuntergang_kleintiertherapie_kleinEine weitere Frage, die sich bei der Goldenen Bild der Frau stellt ist, warum die Trophäe an sich eigentlich eine so dürre Frau darstellt und aussieht wie ein weiblicher Oscar. Aber lassen wir das.

A Poem About [REDACTED]

There is something in my house.
I can not see it nor smell,
I can not hear it nor tell:
If I’m near it,
if I fear it,
if I fell.

There is something in my house,
in the air,
in the chair
and the shelves.
It’s in my books,
on my desk,
it is in my monitor and looks.
My phone is full of it,
my toothbrush and my head.
It has followed me here.
It has been all around me,
since the day that I was born.

There it is again.
You are looking right at it,
on your screen
and in the mirror.
It is the beauty,
the unbelievable mayhem,
the power,
the incomprehensible network
of unthinkable scope and complexity.

It is the downfall of all
and saviour of some.
It is destroying us in the most beautiful and horrible ways.
It will not end
through a peaceful change
nor a violent revolution.
It will end on the day
that humanity as we know it
will end,
for better or worse.

Now tell me,
Son of Marx,
Daughter of Luxemburg,
tell me,
what could possibly
be more scary,
more important,
than global market capitalism?
And whom would you ask to find out?

Eine (unausgereifte) Metakritik der AFD-Kritik

Die AFD Baden-Württenberg leugnet den Einfluss der Menschheit auf den Klimawandel (Seite 46f, die Süddeutsche berichtete). Es ist interessant, an dieser Stelle den inhaltlichen Unterschied zwischen einer Kritik der AFD-Flüchtlingspolitik und einer Kritik der AFD-Klimawandelleugnung herauszustellen.

Wer die AFD Flüchtlingspolitik kritisiert, kritisiert damit auf fundamentaler Ebene die zugrunde liegende Philosophie. Die AFD steht für eine Flüchtlingspolitik, die Deutschland und den Deutschen hilft. Auch dazu was die Begriffe Deutschland und Deutsch bedeuten, hat sie eine Meinung. Die zugrundeliegende Philosophie ist der Nationalismus, welcher auf dem folgenden Axiom basiert: „Die Menschen in meiner Nähe (Bsp.: meine Freunde, meine Familie, mein Dorf, mein Land) sind wichtiger als die Menschen außerhalb meiner sozialen Zirkel (Bsp.: Ausländer, nicht-Europäer, andere Kultur, andere Religion).“
Dies deckt sich mit der intuitiven Wahrnehmung. Auch, wer dieses Axiom ablehnt, fühlt stärker, wenn ein Familienmitglied (nah) stirbt, als wenn ein unbekannter Mensch tausend Kilometer weit weg stirbt (selbst heute, wo die letztere Situation durch die Medien bekannt gemacht wird). Eine häufiges vertretenes philosophisches Axiom eines Kritikers der AFD-Flüchtlingspolitik ist „Alle Menschen sind gleich wichtig.“, aus dem dann implizit folgt, dass man sich auch für Menschen einsetzen soll, zu denen man keine emotionale (oder sonstige) Verbindung hat. Sicherlich lässt sich lange über diese Ansichten streiten, auch darüber, wie treffend ich sie hier formuliert habe. Oder darüber, dass die oberflächliche Debatte nie wirklich bis auf diese Kernpunkte vordringt, sondern aneinander vorbei geredet wird, weil die Gegenseite unbewusst mit den gleichen Grundannahmen modelliert wird. Ich möchte aber nun erläutern, warum ich eine Kritik an der AFD-Klimawandelleugnung für fundamental anders halte.

Wer die AFD dafür kritisiert, dass sie schreibt:

Die Klimaschädlichkeit des anthropogenen CO2 ist in der Fachwelt hoch umstritten, der deutsche Anteil am weltweiten CO2 Ausstoß ist verschwindend gering.

kritisiert auf einer anderen fundamentalen Ebene. Es wird nicht eine Philosophie kritisiert, sondern eine faktische Unstimmigkeit. Die gegensätzlichen Positionen sind: „Von Menschen freigesetzte Treibhausgase (unter anderem CO2) haben einen signifikanten Einfluss auf das Klima.“ gegen „Von Menschen freigesetztes CO2 hat keinen signifikanten Einfluss auf das Klima.“
Dieses Argument ist orthogonal zu dem obigen, denn auch ein Nationalist muss unter der Annahme, dass CO2 das Klima schädigt, zu dem Schluss kommen, dass auch seine eigene Nation davon betroffen ist und dementsprechend Handlungsbedarf besteht. Dabei muss diese Annahme auch keinesfalls sicher sein, nur Wahrscheinlichkeit multipliziert mit Schwere der zukünftigen Folgen müsste größer sein als die erforderlichen Kosten für eine Energiewende. Der nationalistische Ansatz zum Klimaschutz mag vielleicht ein anderer sein (dies schwingt in dem zweiten Halbsatz des Zitats mit, „sollen doch die anderen sparen“), doch den Mensch gemachten Klimawandel grundsätzlich nicht als Fakt zu erachten, folgt keinesfalls (oder zumindest nur indirekt auf der Ebene der Wahrheitstheorie) aus der philosophischen Grundeinstellung.

Warum ist mir diese Unterscheidung wichtig? Wie bereits erwähnt, wird bei diesen Diskussionen fast immer aneinander vorbei geredet. Dies ist im bei der Flüchtlingspolitik verständlich, da die zugrundeliegenden Annahmen sehr fern von den tatsächlich diskutierten Punkten stehen. Die AFD sagt dann, das es schlecht für unser Land ist, wenn zu viele unqualifizierte Flüchtlinge einwandern, und die Kritiker sagen, das es schlecht für die Geflüchteten ist, wenn wir sie nicht in unserem Land aufnehmen. Die Kritiker argumentieren, dass Geflüchtete eine große Chance darstellen da es ja eh an Nachwuchs fehlt. Die AFD sagt dann, dass unsere Kultur verdrängt wird, und wir lieber unsere Familien stärken sollten, damit es mehr deutschen Nachwuchs gibt. Das ist dann, als ob ein Atheist mit einem Christen diskutiert ohne dass die beiden vorher mal abgeklärt haben, dass sie sich in dem fundamentalen Punkt „es gibt einen Gott“ unterscheiden.

Im Falle der Klimawandelleugnung ist der zugrundeliegende Streitpunkt jedoch sehr offensichtlich. Das kann als Chance gesehen werden, tatsächlich eine sachliche Debatte zu führen. Ob diese Debatte dann zielführend ist, sein mal dahingestellt. Aber zumindest könnte man mal über das Reden, worum es wirklich geht, anstatt auf beiden Seiten nur mit emotionalen Totschlagargumenten um sich zu werfen.