Waldspaziergang im Winter

Es war ein sonniger Wintermorgen, als Frieda in den Wald hinaus ging. Am Tag zuvor war ein feiner Pulverschnee gefallen, der nun die Bäume und Wege bedeckte. Außer ihren im Schnee angenehm knirschenden Schritten war fast nichts zu hören, alle Geräusche wurden bald durch die Schneedecke verschluckt. Frieda war nicht vielen Menschen begegnet, und nun war sie auf einem Pfad unterwegs, auf dem noch niemand Spuren hinterlassen hatte. Frieda blieb stehen und Genoss die Stille für ein paar Sekunden. Eine Minute. Fünf Minuten. Mit einem knorrigen Geräusch erwachte ein Baum und fragte Frieda: „Was machst du hier im Wald?“
„Ich entspanne mich nur ein wenig vom Alltag“, antwortete Frieda.
„Der Wald ist Alltag.“ sagte der Baum.
„Ja, für dich ist der Wald Alltag. Du stehst jeden Tag hier und trägst im Winter den Schnee, im Sommer die Vögel.“
„Ich weiß nicht, was du den ganzen Tag machst. Ich weiß gar nicht viel von dem, was wenig entfernt von mir passiert. Meine Wurzeln fühlen die Erde, meine Nadeln fühlen die Luft, die Sonne, den Regen. Meine Zweige fühlen die Tiere, die mich beklettern, beschäftigt und immer in Bewegung, nur selten bleiben sie stehen und schlafen ein bisschen in meinem Geäst. Mein Stamm fühlt das Wasser ihn durchfließen und wie die Zeit ihre Ringe zieht. Eigentlich hätte ich viel Zeit, über all diese Eindrücke nachzudenken und meine kleine Welt zu erkunden. Oder ich könnte die Kunde der Tiere erfragen und so mehr über diese Welt erfahren. Ich könnte den langen Reiseberichten der Vögel lauschen, den abenteuerlichen Fluchtgeschichten der Eichhörnchen, den wilden und strategischen Jagdberichten der Wölfe, den Angebereien der jungen Hirsche, den Eskapaden der Wildschweine in die Gärten der Menschen… Und natürlich den endlosen Dramen der Menschen, die hier spazieren gehen und über alles Nachdenken. Der Wind in meinen Ästen könnte zum Geflüster mit anderen Bäumen werden, die all diese Geschichten und mehr austauschen. Die Weisheit des Waldes, die tausend Jahre alte Eiche, die schon alles gesehen hat…“
„Aber eigentlich ist das alles Klischee“, entgegnete Frieda.
„Ja.“, sagte der Baum, „Eigentlich denke ich über gar nichts nach. Ich kann auch gar nicht hören oder sehen. Ich bin einfach. Im übrigen kann ich auch gar nicht sprechen.“

Langsam wurde es Frieda etwas kalt, so auf einer Stelle zu stehen und auf die schöne Fichte zu starren, die so lebendig wirkte. Sie setzte ihren Spaziergang fort. Der Schnee knirschte angenehm unter den Stiefeln, ihr Atem malte feine Wölkchen in die kalte, klare Luft. Frieda ging noch eine ganze Weile durch den Wald, durch den funkelnden Schnee, die bezaubernde Stille. Sie dachte über vieles nach, und manchmal, wie es beim Spazieren und Wandern beizeiten vorkam, war sie einfach.

Dienstagsgeschichte

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Die grauen Wellen schlugen unerbittlich gegen die Felsen, weit unter ihren Füßen. Bald sollten sie die Klippen gänzlich ausgehöhlt haben, so dass auch sie Teil des Ozeans würden. Aber nicht all zu bald, wenn man es in menschlichen Zeitspannen betrachtet, dachte sich Frieda, die den Wind in ihren Haaren genoss. „Welche Kunde bringst du, Wind?“ fragte sie ihn, doch der Wind antwortete wie immer nur mit weißem Rauschen. Man kriegte einfach kein gutes Signal hier oben.

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Die grauen Wolken türmten sich am Himmel. Bald sollten sie ins Land ziehen und die Pflanzen mit ihrem Regen beglücken. Ein Teil des Regens würde versickern und zurück ins Meer fließen, so dass er wieder Teil des Ozeans würde. Auch der Rest des Wassers würde irgendwann wieder ins Meer zurück finden. „Ich sollte hinaus segeln“, dachte sich Frieda, die nach Zeichen in den Wolken suchte. Doch die Wolken formten wie immer nur eine amorphe Masse aus winzigsten Wassertröpfchen. Wenn sie doch mal ein Bild zeigten, so war es nur eine Einbildung der Betrachterin. Man kriegte einfach keine objektiven Nachrichten hier oben.

Frieda stand auf der Klippe und blickte aufs Meer. Außer dem Wind, den Wolken, dem Wasser, dem Felsen und ihr selbst gab es hier oben eigentlich nichts. Wenn man es recht betrachtet, ist das allerdings schon eine ganze Menge, dachte sich Frieda, die so langsam anfing zu frieren. „Im Grunde fehlt gar nichts, aber nächstes mal sollte ich Tee mitnehmen“ sagte Frieda zu sich selbst. Als sie sich zum Gehen drehte, setzte der Wind ihr die Kapuze auf. Kurz darauf begann der Regen.