Einfache Einsätze, Einfältig Eingefädelt

Das Internet zerstört dein Leben.
Wer das sagt, lebt auch Glutenfrei.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Früher war alles besser.
Die Leute denken einfach nicht nach.
Das interessiert doch niemanden.
Das sind halt so Naturgesetze.

Die Jugend von Heute hat keinen Respekt mehr.
All Cops Are Gay.
Diese verweichlichte Feminismuskultur macht meinen Sohn noch zur Schwuchtel.
Die Linksextremen sind doch genau so schlimm.
Deutschland geht vor die Hunde.
Die Presse lügt.
Son‘ kleinen Hitler bräuchten wir mal wieder.
Es war ja auch nicht alles schlecht.

PS: Dies ist kein Konsistenzartikel, nur ein Gedicht zum Sonntag (Bluttrinker Edition). Es gibt keine Konsistenzartikel mehr, es hat auch noch nie welche gegeben. Konsistenz ist eine Illusion. Zeit ist eine Illusion. Artikel sind eine Illusion. Alles ist eine Illusion. Wach endlich auf! Das Internet zerstört dein Leben!

Die Weihnachtstrilogie: Erster Teil

Dir, weihnachtlich gesinnter Pöbel des Internets!

An diesen feierlichen Tagen lässt es sich natürlich auch der EULENZOMBIE nicht nehmen, ein wenig Besinnung, Liebe und Freude zu stiften unter seinen zahlreichen Lesern. Den Anfang macht nun eine Variation der wohl wohlbekannten Geschichte mit dem Titel „A Christmas Carol“ vom werten Herrn Dickens.

Zum besonderen Genuss dieser weihnachtlichen Geschichte wird der Konsum von weihnachtlich, besinnlich passender Musik empfohlen.

Eine Weihnachtsgeschichte … mit Eulenzombies!

Ebenezer Scrooge saß bei kargem Essen und wenig fröhlicher Musik in seiner Küche als er plötzlich eines Geräusches gewahr wurde. Es klang ein wenig wie ein Schmatzen und Stöhnen und als Ebenezer auf seinen kleinen Flur trat, um der Ursache auf den Grund zu gehen, erblickte er dort ein bizarres Geschöpf, welches sich im Garderobenspiegel selbst betrachtete. Das Wesen bemerkte Ebenezers Anwesenheit zunächst nicht und so konnte er es eingehend und voll Widerwillen betrachten. Obwohl die Erscheinung einen menschlichen Körper hatte, so hatte sie dennoch den Kopf einer Eule. Dieser Eulenkopf sah auf den ersten Blick sehr gepflegt aus, konnte jedoch nicht über das ein oder andere Verfallsmerkmal, wie die leeren, weißen Augen, hinwegtäuschen. Weiterhin war das Wesen in einen sauberen und anscheinend maßgeschneiderten Anzug gekleidet, an dem es immer wieder herumnestelte und dabei seine Tätigkeit genau im Spiegel verfolgte, verhalten grunzend oder stöhnend.
Schließlich räusperte sich Ebenezer und sprach dem Wesen einen schönen Abend aus. Nachdem dieses sich vergewissert hatte, dass der Anzug richtig sitze, wandte es sich dem Sprecher zu und sprach wohlklingend und beherrscht: „Guten Abend, Herr Scrooge. Ihr Aussehen ist der gegebenen Situation wohl mehr als unangemessen.“ Ebenezer erkannte in der Stimme seinen kürzlich verstorbenen Vorgesetzten Herr Marley, welcher fortfuhr: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich diese Nacht besser Kleiden sollten, denn Sie werden Besuch von drei äußerst respektablen Herren erhalten.“

— bis dahin … und nicht weiter bin ich leider nur gekommen. Der Rest wird Morgen oder so nachgereicht (ich wollte zumindest etwas veröffentlichen), weil *irgendeineausredevonwegenweihnachtsstressetcppblabla*

Erster Akt: Jacob Marley

Jacob Marley ist tot. Herr Marley war der Vorgesetzte von Ebenezer Scrooge, ein stets wohlgekleideter und geschmackvoller Mann, voller Charme und Esprit; Und einem ausgezeichneten Sinn fürs Geschäftliche. Herr Marley hatte stets das Bestmögliche von seinen Untergebenen gefordert, hatte immer ein paar freundliche Worte auf den Lippen gehabt und bei fehlender Produktivität auch keine Scheu gezeigt die nötigen Konsequenzen geltend zu machen.

Doch Ebenezer Scrooge war mit Herr Marley niemals ganz warm geworden, hatte sich niemals wirklich mit ihm verstanden. Er maßte es sich sogar an, das gesamte Gehabe von Herr Marley als oberflächlich abzutun und ihm nicht den nötigen Respekt für dessen teure Uhr, dessen teuren Anzug und dessen teures Auto, für das er, Ebenezer, auch hart gearbeitet hatte, entgegenzubringen. Herr Marley hatte sich aber an dieser Einstellung von Ebenezer Scrooge lange nicht gestört, denn dessen Produktivität war ausgezeichnet gewesen. Irgendwann hatte das Team ein wenig verändert werden müssen, ein paar dynamischere, spritzigere Charaktere waren benötigt worden. Von da an sank die Produktivität des Ebenezer Scrooge, denn Herr Marley musste feststellen, dass dieser nicht so recht dem herrschenden Teamgeist gerecht werden konnte.

Die ganze Sache hätte sehr bedauerlich für Ebenezer ausgehen können, doch als Herr Marley anfing ernsthaft über mögliche Konsequenzen für Ebenezer nachzudenken, da wurde er vom Schlag, oder besser: Sein teurer Sportwagen wurde in voller Fahrt von einem Baum getroffen und dies bedeutete das Ende für den stets wohlgekleideten und geschmackvollen Herr Marley.

Es sollte noch erwähnt sein, dass sich das Ende des Herr Marley kurz vor Weihnachten zugetragen hatte, einem Fest, das ganz und gar die Abneigung von Ebenezer Scrooge teilte. Dieser hielt das Weihnachtsfest für den bestmöglichen Ausdruck der heutigen Gesellschaft, in all ihrer Verlogenheit, Falschheit und Heuchelei, dabei verpackt in bunt blinkenden Lichterketten, verborgen hinter einer Maske aufgesetzter Fröhlichkeit. Kurz gesagt: Ein moderner Maskenball, bei dem jeder, der es wagt einen Teil seines wahren Gesichtes durchblicken zu lassen hinaus in die dunkle, kalte Nacht des Winters gejagt wird. Ja, er konnte Weihnachten wirklich nicht ausstehen.

Am Abend des 23. Dezember nun saß Ebenezer Scrooge bei kargem Essen und überhaupt nicht weihnachtlicher Musik in seiner kleinen Küche, als er plötzlich des Geräusches seines Telefons gewahr wurde. Langsam stand er auf und Schritt mit wenig Lust ins kleine Wohnzimmer, wo das schrillende Ding noch auf dem Tisch lag.

„Scrooge hier, hallo?“

„Guten Tag, hier ist das Hilfswerk für Arme. Wir helfen Kindern und Kranken in Not und Sie können das auch. Mit nur einer kleinen Spende können Sie unserem Verein und Armen in Not helfen“, drang eine unbeholfene Computerstimme an Ebenezers Ohr. Wie er diese Ansagen hasste.

„Wenn Sie uns eine Spende von mindestens fünfzig Euro zukommen lassen, dann können Sie außerdem an einem Gewinnspiel mit vielen Attraktiven Preisen teilnehmen. Drücken Sie die eins, um eine Summe von mehr als fünfzig Euro zu spenden und an unserem Gewinnspiel teilzunehmen. Drücken Sie die zwei, um einen Betrag von weniger als fünfzig Euro zu spenden und nicht an unserem attraktiven Gewinnspiel mit tollen Preisen teilzunehmen.“

Ebenezer dachte nicht daran, diesem dubiosen Verein etwas zu spenden und auch das Gewinnspiel reizte ihn in keinster Weise. Wenn man etwas spenden wollte, dann sollte man es der Spende wegen und nicht wegen der Aussicht auf einen Preis machen, dachte er halblaut, als er auflegte und den Hörer mit in die Küche nahm, um weiter zu Abend zu essen. Kaum hatte er sich gesetzt, da klingelte das Telefon erneut.

„Scrooge hier, hallo?“

„Guten Tag, hier ist das Hilfswerk für Arme. Wir helfen Kindern und Kranken in Not und Sie können das auch“, drang die selbe gefühllose Computerstimme an sein Ohr. Ebenezer legte verärgert wieder auf. Konnte man kurz vor Weihnachten nicht einmal in Ruhe Essen, ohne, dass man von Spendenhotlines drangsaliert wurde? Das Telefon klingelte erneut; Man konnte offensichtlich nicht.

Um nicht vielleicht doch ein wichtiges Telefonat zu verpassen, nahm Ebenezer wiederum ab, wurde sich im selben Moment der Absurdität seines Gedankenganges bewusst und legte auf, ohne zu Hören, wer ihn diesmal tatsächlich angerufen hatte. Kurz saß er daraufhin vor seinem Essen, stand dann auf, ging in den Flur und zog das Telefonkabel aus der Dose. Zufrieden kehrte er nun zu seinem kargen Mahl zurück, sichtlich entzückt über die Vorstellung, dass ihn nun niemand mehr stören würde.

Ebenezers Handy klingelte. Auf Ruhe bedacht nahm er einen Bissen von dem Wurstbrot, das nun schon ungewöhnlich lange seiner Verspeisung harrte, kaute, schluckte, nahm einen zweiten Bissen; Griff dann in seine Hosentasche, zückte sein Handy und las die SMS, die gerade gekommen war.

„Morgen ab zehn umtrunk mit den kollegen in kmbar“

„Sicher nicht“, sprach Ebenezer zu sich selbst und schaltete sein Handy aus. Die Ruhe, die er noch vor wenig mehr als einer Minute verspürt hatte, weil er das Telefon zum verstummen gebracht hatte, war verflogen. An ihre Stelle trat eine gewisse Rastlosigkeit, ohne dass diese ein bestimmtes Ziel gehabt hätte. Sie hindert ihn einfach nur daran nun in Ruhe zu essen und drängte ihn etwas sinnvolles zu tun. Zu sinnvollen Taten hatten ihn schon seine Eltern immer angehalten. Er solle doch nicht so viel Zeit vertrödeln, er solle lieber lernen und arbeiten.

In vollster Konzentration besann Ebenezer sich wieder zu seiner Ruhe zurückzufinden, ohne Hast sein Abendessen zu Ende zu bringen. Nachdem er zwei Minuten reglos dagesessen hatte nahm er endlich das Brot wieder zur Hand und befand sich bereit einen weiteren Bissen zu nehmen.

Ein Geräusch aus dem Flur ließ ihn aufhorchen und sein Mahl wieder unterbrechen. Es klang ein wenig wie ein Schmatzen und Stöhnen und als Ebenezer auf seinen kleinen Flur trat, um der Ursache auf den Grund zu gehen, erblickte er dort ein bizarres Geschöpf, welches sich im Garderobenspiegel selbst betrachtete. Das Wesen bemerkte Ebenezers Anwesenheit zunächst nicht und so konnte er es eingehend und voll Widerwillen betrachten. Obwohl die Erscheinung einen menschlichen Körper hatte, so hatte sie dennoch den Kopf einer Eule. Dieser Eulenkopf sah auf den ersten Blick sehr gepflegt aus, konnte jedoch nicht über das ein oder andere Verfallsmerkmal, wie die leeren, gläsern-weißen Augen, hinwegtäuschen. Weiterhin war das Wesen in einen sauberen und anscheinend maßgeschneiderten Anzug gekleidet, an dem es immer wieder herumnestelte und dabei seine Tätigkeit genau im Spiegel verfolgte, verhalten grunzend und stöhnend.

Schließlich räusperte sich Ebenezer und sprach dem Wesen einen schönen Abend aus. Nachdem dieses sich vergewissert hatte, dass der Anzug richtig sitze, wandte es sich dem Sprecher zu und sprach wohlklingend und beherrscht: „Guten Abend, Herr Scrooge. Ihr Aussehen ist der gegebenen Situation wohl mehr als unangemessen.“ Ebenezer erkannte in der Stimme seinen kürzlich verstorbenen Vorgesetzten Herr Marley, welcher fortfuhr: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich diese Nacht besser Kleiden sollten, denn Sie werden Besuch von drei äußerst respektablen Herren erhalten.“

Verdutzt entgegnete Ebenezer „Aber ich erwarte für heute Abend keinen Besuch mehr“, und eigentlich war ihm auch jedweder Besuch völlig zuwider; Erst Recht, wenn er von seinem ehemaligen Vorgesetzten angekündigt wurde.

„Sträuben Sie sich nicht, Herr Scrooge. Dies sind wichtige Termine, die Sie zum Wohl Ihrer eigenen Zukunft wahrnehmen sollten. Ein Versäumen kann nicht geduldet werden. Es ist an der Zeit, dass Sie anfangen, die Dinge mit dem nötigen Ernst zu betrachten und Ihre Fähigkeiten nicht weiter verschwenden! Ich bitte nun um Entschuldigung, aber ich habe weitere Termine, guten Abend.“

Nach dieser Ansprache drehte sich der Herr Marley mit dem Eulenkopf geschwind um, ergriff die Klinke der Wohnungstür und entschwand in das dunkle Treppenhaus, die Tür hinter sich mit einem Knall ins Schloss fallen lassend.

Zweiter Akt: Der Eulenzombie der vergangenen Weihnacht

Ebenezer wusste das ganze Geschehen nicht so recht einzuordnen und stand für kurze Zeit einfach nur so in seinem kleinen Flur. Schließlich entschloss er sich, diesem ganzen Auftritt keine große Bedeutung beizumessen, drehte sich um und ging wieder in die Küche.

Dort fand er zu seinem Schrecken ein weiteres Wesen mit menschlicher Statur in einem Anzug und einem Eulenkopf vor, das ihn nach seinem Eintreten kurz musterte und dann sprach.

„Guten Abend, Herr Scrooge. Wie ich sehe, halten Sie es wohl nicht für nötig im Umgang mit wichtigen Personen, die doch eigentlich nur Ihr Bestes wollen, eine angemessenere Kleidung anzulegen. Diese Nachlässigkeit werde ich mir merken. Sollten weitere solche Nachlässigkeiten zu Tage treten, kann ich Ihnen versprechen, dass dies alles sehr unvorteilhaft für Sie ausfallen wird. Nun ziehen Sie sich bitte wenigstens einen Mantel über und folgen Sie mir, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Damit drängte sich das Geschöpf an Ebenezer vorbei durch die Tür, durchschritt den kleinen Flur und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Ebenezer registrierte dies alles wort- und beinahe regungslos und reagierte auch nicht auf die Gestik des Wesens, die ihm bedeutete zu folgen. Er hatte heute wirklich keine Lust vor die Tür zu gehen und den ganzen Weihnachtsrummel zu sehen. Ja, er hatte sich sogar auf ein paare ruhige Tage ohne Störung gefreut, weit abseits von der weihnachtlichen Konsumsucht und falschen Heiterkeit, wie er selbst es nannte.

„Nun kommen Sie endlich, Herr Scrooge. Denken Sie daran, weitere Fehltritte können Sie sich nicht erlauben.“

Ebenezer wusste nicht was es war, aber irgendwas in der Stimme dieses seltsam abartigen Geschöpfes bewog ihn dazu, seinen Mantel und seine Schuhe zu greifen und zu folgen.

Ebenezer und das Geschöpf traten auf die Straße und Ebenezer stellte fest, dass es immer noch ungewöhnlich warm war. Ein leichter Nieselregen fiel und tauchte alles in eine glänzende Nässe, in der sich die mannigfaltig bunte Beleuchtung der Häuser spiegelte. Für einen kurzen Moment musste Ebenezer bei der festlichen Beleuchtung an Bilder von Las Vegas denken, aber der Gedanke blieb schnell zurück als er sah, dass das Eulengeschöpf schon ein gutes Stück die Straße hinunter gegangen war.

Ebenezer beeilte sich zu folgen. Das Wesen sprach nun kein Wort mehr und so schritten die beiden schweigend die Straße entlang, während aus den Häusern und vorbeifahrenden Autos immer die gleiche Musik schallte. Mit der Zeit aber nahm die Musik ab und Ebenezer stellte fest, dass sich auch sonst die Straße auf wundersame Weise wandelte. Die aufdringlich bunte und grelle Beleuchtung wich allmählich einer einfarbigen, weißen und die Nässe wurde zunächst zu einer funkelnden Eisschicht, die schließlich zu einer reinen weißen Schneedecke anwuchs.

Das Eulengeschöpf hielt vor einem eingeschneiten Haus mit nur einer einzigen Lichterkette, die von der Dachrinne herab hing. Bis zur Haustür führte ein akkurat freigeschaufelter Weg durch den Vorgarten, über den das Wesen Ebenezer nun führte. Weiterhin sprach es kein Wort, aber das war auch nicht nötig, wusste Ebenezer doch genau, wo sie sich befanden. Diese Haustür war die seiner Kindertage.

Noch ehe er sich weiter umgeschaut hatte oder gar durch die Tür getreten war, wusste er, was ihn im Inneren erwarten würde. Das Geschöpf öffnete ohne einen Schlüssel oder dergleichen zu gebrauchen die Tür und beide traten ein.

Im Haus roch es verführerisch nach Plätzchen. Nachdem das Eulenwesen seinen schweren Mantel an die Garderobe gehängt hatte, führte es Ebenezer in das Wohnzimmer, in dem ein prächtig geschmückter Tannenbaum in einer Ecke thronte. Unter dem Tannenbaum befanden sich unzählige Geschenke, die in den Raum hineinzuquellen schienen. Neben dem Baum stand ein großer Fernseher und diesem gegenüber stand eine dunkle Ledercouchgarnitur. Auf dieser nun saß der kleine Ebenezer mit erwartungsvollem Gesicht neben seinen Eltern.

Ebenezers Vater fragte „Na Eb, gefällts dir? Bist du schon gespannt?“, und der kleine Ebenezer antwortete gedankenverloren und glücklich „Jaaa!“ Dabei drehte das Geschöpf, dass mit dem Rücken zu Ebenezer gestanden hatte auf unheimliche Weise seinen Kopf so, dass die leeren, weißen Augen direkt in die Ebenezers sahen.

Dieser erinnerte sich genau, wie er sich damals als kleiner Ebenezer gefühlt hatte, die Vorfreude, das Glück, die Spannung. Der Vater sprach wieder „Na, dann wollen wir dich mal nicht länger auf die Folter spannen, du kannst anfangen die Geschenke auszupacken.“

Der kleine Ebenezer stürzte von der Couchgarnitur auf den Geschenkestapel zu, wühlte darin herum und zog schließlich ein besonders großes Paket heraus, welches er sofort hastig zu öffnen begann. Ebenezer wusste noch genau, was sich in diesem Paket befunden hatte.

Als Kind hatte Ebenezer ein hölzernes Schwert besessenen, gefertigt von seinem Großvater, mit dem er innig und ausgiebig als Ritter in Aufrechte Kämpfe gegen Drachen und andere Unholde gezogen war. Viele Male hatte ihn diese treue Klinge zum Sieg geführt und immer hatte er sich auf ihre hölzerne Schneide verlassen können. Dann aber war ein harter Winter angebrochen und im Gefecht gegen einen bösen Magier, der das Land auf ewig mit klirrender Kälte hatte überziehen wollen, war das Schwert zerbrochen. Dieser Verlust, diese Niederlage hatte Ebenezer sehr mitgenommen und seine Eltern hatten die traurige Rückkehr aus der Schlacht mit beobachten müssen. Erfolglos hatte er noch versucht seinen treuen Schlachtbegleiter wieder zu reparieren, doch schließlich hatte er aufgeben müssen.

In dem großen Paket befanden sich zwei graue Plastikschwerter. Der kleine Ebenezer beäugte sie kritisch, sein Blick war mehr fragend denn freudig. Ebenezer wusste noch genau, dass er sich über dieses Geschenk nicht gefreut hatte, es war ihm herzlos erschienen. Es war ihm als billiger Ersatz vorgekommen, als seelenlose Massenanfertigung, als Abfertigung.

„Warum gleich zwei?“

„Dann kannst du eines direkt wegschmeißen, wenn es kaputt geht.“

Der Eulenkopf sprach: „Warum haben Sie sich nicht über dieses Geschenk gefreut. Sehen Sie sich nur Ihre Eltern an.“

Ebenezer sah seine Eltern an, die tatsächlich etwas geknickt wirkten. Dem kleinen Ebenezer war dies freilich nicht aufgefallen.

„Das Geschenk ist mir falsch erschienen und jede Freude wäre eine vorgetäuschte Freude gewesen, eine Lüge. Hätte ich meine Eltern belügen sollen?“

„Hättest Sie sie glücklich machen sollen?“, entgegnete das Eulengeschöpf.

Bevor Ebenezer etwas entgegnen konnte verschwammen die Konturen um ihn und das Eulenwesen und die Umgebung veränderte sich. Der Raum blieb der selbe, aber die Einrichtung wechselte, wurde moderner, die Tapeten wechselten, wurden moderner, der Baum wechselte, wurde moderner und schließlich standen das Eulenwesen und Ebenezer zusammen mit seinen Eltern und seiner selbst von ungefähr zwanzig Jahren im Wohnzimmer.

Die Mutter war gekleidet in ein rotes Kleid, der Vater in Hemd und Stoffhose, der fast noch jugendliche Ebenezer in Jeans und ein weites T-Shirt. Aufgebracht rief letzterer: „Warum sollte ich ein neues Auto wollen? Mein Auto ist super! Habt ihr Sorgen, was die Nachbarn denken?“

„Aber Ebenezer … wir wollten doch nur, dass du ein neues, sicheres Auto bekommst und nicht mehr mit dieser Schrottmühle fährst …“

„Das ist ein großartiges Auto. Ich will kein neues Auto. Ich brauche kein neues Auto! Ich will überhaupt keine Dinge!“

Ebenezer erkannte, dass diese Worte nicht seine eigenen waren, dass sie die Worte eines anderen waren. Aber in dieser Situation hatte er sie sich angeeignet, waren voll seinem Sinn ergeben gewesen.

Der aufgebrachte Ebenezer verließ den Raum und schickte sich an, die Wohnung zu verlassen. Die Eltern blieben mit einem irritierten Blick zurück, der sich aber schließlich mit einem „Warum ist der Junge nur so undankbar? Ich hätte mir das niemals erlauben können. Ach, lass uns was essen gehen“ vom Vater in eine fröhlich-steife Miene umwandelte.

„Sehen Sie, was Sie durch Ihr Verhalten angerichtet haben? Hätte es geschadet, wenn Sie das neue Auto angenommen hätten, wenn Sie sich für Ihre Eltern darüber gefreut hätten?“, fragte das Eulenwesen, während es seinen Mantel von der Garderobe griff und sie dem jungen Ebenezer aus dem Haus folgten.

„Ich kann mich nur wiederholen“, entgegnete Ebenezer. „Es wäre nicht wahr gewesen, wäre eine Lüge gewesen.“

Der junge Ebenezer kam schließlich an einem etwas heruntergekommenen Mehrfamilienhaus an und drückte auf die Klingel. Als sich die Sprechanlage aktivierte, drang aus dem Lautsprecher wildes Gejohle und Geschrei, kurz darauf wurde auch die Türöffnung betätigt. Er betrat, gefolgt von seinen unbemerkten Begleitern, das dunkle Treppenhaus und stieg empor, bis er schließlich an eine Wohnungstür kam, aus der laute Musik und sonstige Geräusche einer Party in vollem Gange kamen.

Ebenezer erinnerte sich an diese Party. Sie war wild langanhaltend und exzessiv gewesen, aber das hatte er sich später mitteilen lassen. Er hatte dort seinen Freunden von der Ablehnung des Autos erzählt und dies hatte vor allem unverständliche und irritierte Blicke hervorgerufen. Seine Freunde hatten ihn nicht verstanden. Er war auch nicht so sehr in Feierlaune gewesen und irgendwann hatte ihn der ewige Smalltalk, das ewige Tratschen und Lästern, das ewige Preisen der neuesten Trends, die ewig gleichen Saufaktionen gelangweilt und er war gegangen.

Während er sich dies alles wieder in wach gerufen hatte, war der junge Ebenezer schon eingetreten und das Eulenwesen und er standen allein im Halbdunkel des Treppenhauses.

„Ja, ich sehe, Sie erinnern sich dieser Party. Wäre ein bisschen Mitfeiern auch eine Lüge gewesen?“

Ebenezer antwortete trocken: „Ja.“

„Dachte ich mir. Kommen Sie, Zeit zu gehen“, und mit diesem Satz öffnete das Eulenwesen die Tür und beide traten ein. Doch zu Ebenezers Verwunderung befanden sie sich wieder in seinem kleinen Flur, wo ihm vorhin der Eulenmarley begegnet war.

„Von mir haben Sie genug gesehen, aber das ist noch nicht das Ende. Denken Sie daran.“ Das seltsame Geschöpf verschwand und ließ Ebenezer allein zurück.

Dritter Akt: Der Eulenzombie der gegenwärtigen Weihnacht

Ebenezer ging zurück in seine Küche, in der noch sein Abendessen auf ihn wartete. Er setzte sich und nahm wieder einen Bissen von seinem Brot, gedanklich mit dem Versuch beschäftigt seine Erlebnisse gerade irgendwie zu verarbeiten. Während er kaute, blickte er auf die Stulle in seiner Hand und fragte sich, ob vielleicht die Wurst verdorben war, oder ob vielleicht irgendein Halluzinogen darin enthalten war; Womöglich hineingeraten als Nebenprodukt von einem Antibiotika für Tiere. Er wusste, dass es nicht gerade tierfreundlich war, aber der anschließende Gedanke an Schweine auf einem LSD-Trip ließ ihn doch schmunzeln … und sich fragen, was wohl überhaupt passieren würde. Würden die Schweine denken, sie könnten fliegen? Würden sie fliegen?

Abrupt wurden die fliegenden Schweine in den Gedanken Ebenezers auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, als ein weiteres Eulenwesen an die Küchentür klopfte und eintrat.

„Die Pause ist vorbei, Herr Scrooge. Zeit, dass Sie weiter machen. Ihren Mantel tragen Sie zum Glück ja noch.“

Ebenezer wollte protestieren, aber das Wesen, welches ein anderes war als zuvor, aber ebenso in einen feinen Anzug gekleidet, schnitt ihm das Wort ab.

„Keine Widerrede. Wir haben einen eng gesteckten Zeitplan und wie mein Kollege Ihnen mitteilte, können Sie sich weitere Fehltritte nicht leisten. Leeren Sie Ihren Mund und folgen Sie.“

Als Ebenezer weiterhin keine Anstalten machte, sich zu erheben, sprach das Eulengeschöpf erneut, diesmal eindringlicher.

„Herr Scrooge, ich habe Sie vorgewarnt. Ich kann einen Widerstand Ihrerseits keinesfalls dulden!“

Damit spürte Ebenezer, wie der Stuhl unter ihm weg sank, wie er rückwärts fiel, wie er hart mit dem Hinterkopf auf den Boden aufschlug; Schwärze. Er schlug die Augen wieder auf und sprang auf die Beine, bereit sich gegen den offensichtlichen Angriff des Eulenwesens zu wehren. Doch zu seiner Verwunderung stand dieses ganz gelassen in einiger Entfernung bei einem Schreibtisch.

Sie befanden sich in einem Büro. Ebenezer erkannte das Büro, als das seines Kollegen Pete, der gerade dabei war, ein paar Akten durchzuschauen. Er ging zu seinem eulenköpfigen Begleiter hinüber und fragte, was sie machen würden. Das Geschöpf antwortete: „Kennen Sie Nelly?“

„Nelly? Von der Arbeit?“

„Genau die. Sie wissen, dass sie mal ein Auge auf Sie geworfen hatte? Das sie Sie immer noch faszinierend und interessant findet? Das sie Sie eigentlich gerne näher kennenlernen würde?“

„Bisher war mir das nicht bewusst, nein. Ich bin zwar immer mit ihr sehr gut ausgekommen, aber so hab ich das nicht wahrgenommen.“

„Weil sie es Ihnen nicht gezeigt hat. Wissen Sie warum? Wegen Ihrer Eigenart, Ihres Eigensinns, Ihrer Ablehnung gegenüber der Gesellschaft, Ihren Werten. Wissen Sie, was Nelly deshalb macht?“

In diesem Moment trat Nelly in Petes Büro, zwei Weingläser und eine passende Flasche dazu in Händen. Sie begrüßte Pete mit „Na, wer ist denn zu so später Stunde noch am arbeiten?“ Dabei trug sie eine freundlich-neckende Miene zur Schau. Ebenezer betrachtete das Schauspiel und meinte schließlich: „Offensichtlich macht sie sich an Pete ran. Sie scheint mir damit glücklich zu sein.“

„Wirklich? Ist sie tatsächlich glücklich? Trägt sie keine Maske, die Enttäuschung über Sie erfolgreich zu überspielen?“

Bevor Ebenezer etwas erwidern konnte, verändert sich die Umgebung und nun befanden sie sich in einem Restaurant, in der Nähe der Eltern Ebenezers, die gerade bei Tisch saßen und sich unterhielten. Das Restaurant sah sehr edel aus und die Speisen auf den Tellern der Eltern waren reichhaltig. Der Anblick erinnerte Ebenezer wieder an das Wurstbrot, dass er noch immer in den Händen hielt und er biss ab.

„Ich habe Sie nicht hergeführt, damit Sie sich wieder Ihres Wurstbrotes entsinnen, sondern, damit Sie Ihren geliebten Eltern zuhören können“, wandte sich das Eulenwesen mit einer gewissen Verachtung in der Stimme Ebenezer zu. Besonders das Wort „Wurstbrot“ spie es förmlich aus. Ebenezer gehorchte kauend.

„Ah, der überbackene Lachs ist hier einfach herrlich, eine wahre Gaumenfreude.“

„Ja, Charles, die Küche ist wie eh und je hier ganz vorzüglich. Und hast du gesehen, die Smiths sind auch heut Abend hier. Dort drüben am Tisch.“

„Wir haben sie schon lange nicht mehr eingeladen, das sollten wir beizeiten nachholen. Übrigens, Tom erzählte mir, wie er seine Autoschlüssel verlegt hatte und sie den halben Tag suchte, bis die Haushälterin sie schließlich in der Wäsche fand. Hahaha“

„Haha, wirklich eine tolle Geschichte. Morgen soll es schneien. Wäre das nicht mal wieder hinreißend? Weiße Weihnacht!“

„Dazu müsste der Schnee freilich auch liegenbleiben. Bei den warmen Temperaturen, wird das sicher nichts.“

„Nun sei nicht so ein Miesepeter, du klingst ja fast wie unser Sohn.“

Betretenes Schweigen trat zwischen Ebenezers Eltern. Schließlich hob seine Mutter wieder das Wort.

„Ob er wohl auch gerade so opulent speist wie wir?“

„Wohl kaum.“

„Ach, es wäre zu schön mal wieder mit ihm essen zu gehen. Wenn er nur ein bisschen gescheiter wäre.“

„Hier könnten wir uns mit ihm sicher nicht blicken lassen. Denk nur, die Smiths hätten uns mit ihm gesehen! Sie wären sicher keiner weiteren Einladung von uns gefolgt.“

„Ja, und wie sich das rumgesprochen hätte. Nicht auszudenken!“

„Ach, wenn er nur normal wäre!“

Während er dem Gespräch lauschte, wusste Ebenezer nicht ob er empört, fassungslos oder gleichgültig reagieren sollte. Im Grunde hatte er gewusst, wie seine Eltern über ihn dachten und dass er nicht in ihr Weltbild aus guten Restaurants, teuren Autos und erquicklicher Konversation hinein passte. Doch dies so deutlich aus ihren Mündern zu vernehmen, ließ ihn doch nicht unberührt.

„Was denken Sie darüber?“, fragte das Eulenwesen.

Ebenezer schwieg kurz, fasste sich dann aber.

„Ich wusste schon vorher, wie meine Eltern über mich denken. Ich finde es bedauerlich, aber ihre Welt ist nicht die meine. Jede andere Behauptung wäre eine Lüge.“

„Wie Sie meinen.“

Die Umgebung verschwamm wieder. Ebenezer lag rücklings mit einem Stuhl in seiner Küche auf dem Boden. Sein Kopf schmerzte, wie nach einem harten Stoß. Er blickte sich um, konnte aber niemanden sehen.

„Das ging ja erfreulich schnell“, sprach er laut zu sich selbst, und fragte sich im selben Augenblick, ob er vielleicht verrückt würde. Schmerzen und Gedanken wirbelten wie wild durch seinen Kopf, als er sich langsam aufrichtete, noch immer mit dem Wurstbrot in der Hand. War das alles gerade wirklich geschehen? Mühsam setzte sich Ebenezer wieder an den Tisch, biss vom Brot ab; Und dachte nach.

Vierter Akt: Der Eulenzombie der zukünftigen Weihnacht

„Träumen Sie, Herr Scrooge?“

Ebenezer kehrte aus tiefer Gedankenverlorenheit zurück, wandte seinen Blick von der Wurst auf seinem Brot ab, auf die er gestarrt hatte und blickte auf. Ein dritter Eulenkopf blickte ihn aus gläsernen Augen, die in schön frisierten Federn saßen an.

„Sie wissen sicherlich, was Ihnen nun blüht. Folgen Sie bereitwillig, oder muss auch ich zu härteren Methoden greifen?“

„Sie werden mir die zukünftige Weihnacht zeigen?“

„Exakt.“

„Ich fühl mich ja fast, wie bei ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘. Werde ich meinen Tod sehen, wie in der Geschichte von Dickens?“

„Nicht den Ihren, Herr Scrooge, nicht den Ihren. Nun folgen Sie bitte.“

Ebenezer folge aus der Küche, doch traf schon nicht mehr auf seinen Flur, sondern trat in ein bescheidenes, aber gemütliches Wohnzimmer, mit einigen Bildern an den Wänden, einem niedrigen Couchtisch und zwei Sofas; Ohne jeglichen Weihnachtsschmuck. Über einem der Sofas brannte eine Leselampe, ansonsten war der Raum indirekt durch eine Deckenlampe beleuchtet. Unter der Leselampe auf einem der Sofas saßen zwei ältere Menschen. Als Ebenezers Blick auf sie fiel, erläuterte das Eulenwesen:

„Sie und ihre Frau Liz.“

Ebenezer beobachtete die beiden. Sein ältere Version las ihr offensichtlich aus einem sehr abgegriffenen Buch vor. Er hörte hin, um zu erkennen, dass es sich um Hesses Steppenwolf handelte. Das Eulenwesen wandte sich ihm wieder zu:

„Ermüdent nicht wahr? Lassen Sie uns den Blick auf spannendere Ereignisse lenken. Folgen Sie mir.“

Ebenezer schaute ein letztes Mal auf das glückliche Pärchen. Eigentlich stimmte ihn dieser Anblick sehr glücklich. Dann folgte er dem Geschöpf. Durch die Tür des Wohnzimmers traten sie in ein sehr unordentliches Zimmer, in dem unter vielen Büchern und Zetteln ein Schreibtisch, ein Bett und ein Schrank sichtbar waren. Gegenüber der Tür befand sich ein Fenster, durch das man die von unten von einem Weihnachtsmarkt beleuchteten Fassaden von Mehrparteienhäusern einer Stadt sehen konnte.

Im Zimmer befand sich neben Ebenezer und seinem Begleiter eine weitere Person von möglicherweise zwanzig Jahren, die nervös auf und ab schritt, ein Headset im Ohr steckend. Die Züge der Person glichen der Ebenezers und auf einen fragenden Blick bestätigte ihm das Eulenwesen: „Ihr Sohn Harry.“

Ebenezers Sohn telefonierte aufgeregt: „Was willst du damit sagen? Du kannst das nicht mehr?

Was?

Aber …

Bitte tu das nicht. Ich dachte immer, wir beide …

Ich dachte immer du wärst anders, wir wären anders, als alle anderen …

Aber wofür brauchen wir diese Heuchler?

Ja, aber …

Gut, wenn du es so willst, ich werde dir nicht im Wege stehen. Ich werde nicht versuchen dich umzustimmen. Ich weiß, dass du anders bist, besser als die. Aber wenn du sie brauchst …

Ja, ne, ist schon ok. Dein Leben ist nicht das meinige.

Natürlich ist das Scheiße, aber mach dir keinen Kopf. Ich hab dann ja sowieso niemanden mehr. Ich werd mich einfach gleich aus dem Fenster schmeißen.

Bitte, keine Tränen meinetwegen. Ich hoffe nur, du irrst dich nicht, du wirst so glücklicher.

Ich liebe dich trotzdem.“

Damit nahm Harry das Headset von seinem Ohr und schmiss es in eine Ecke.

„Warum ist diese Gesellschaft einfach so beschissen?“

Nachdem er kurz so aussah, als überlege er, ging Harry zum Fenster, öffnete es, stieg auf die Fensterbank und sprach zu sich selbst „Hoffentlich werden es meine Eltern verkraften, sonst ist ja niemand geblieben“, und sprang.

Ebenezer schrie und stürzte zum Fenster. Die Wohnung befand sich im fünften Stock. Unten konnte er Harry auf dem Dach eines Autos liegen sehen, das dort parkte, beleuchtet von den bunt-fröhlichen Lichtern eines nebendran stattfindenden Weihnachtsmarktes, der die Szenerie mit weihnachtlich-heiterer Musik unterlegte.

„Hier haben Sie Ihre Wahrheit, Herr Scrooge!“, rief höhnisch das Eulenwesen.

Ebenezer drängte an diesem vorbei aus der Wohnung, ohne auf den Ruf zu achten und stürmte das Treppenhaus hinunter.

Fünfter Akt: Jacob Marley

Im Parterre des Hauses angekommen, stürmte Ebenezer aus der Haustür. Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass er das Haus auf der falschen Seite verlassen hatte und nun einmal um den Bock laufen musste, um zur anderen Seite zu gelangen. Er lief die schön geschmückte Straße hinunter, auf der ihm eine Gruppe Personen entgegenkam, die komplett maskiert war. Maskiert mit Masken von freundlich lächelnden Weihnachtsmann-, Engels- oder Wichtelsgesichtern.

Ebenezer stürmte an ihnen vorbei und bog um die nächste Ecke. Dort wurde er von einer wahren Lichterflut beinahe geblendet. Der Weihnachtsmarkt erwartete ihn. Ebenezer rannte hinein, hinein in ein wunderbar duftendes Märchenland, mit nimmermüder Weihnachtsmusik, sogar einer robotisierten Ausgabe von Wham, die sich hölzern zum nimmermüden „Last Christmas“ bewegten. Hinein in ein unüberschaubares Gedränge von Menschen, alten und jungen, alle maskiert mit freundlich lächelnden Gesichtern von Weihnachtsmännern, Engeln und Wichteln. Hinein in ein undurchdringliches Labyrinth aus Fressständen, Karussells, Glühweinbuden und Verkäufern von wunderbarem Weihnachtskitsch.

Mühsam versuchte er die Orientierung zu behalten, während er mit brennender Lunge sich durch diesen Kindertraum drängte. Schließlich hielt er inne, an einem Stand, an dem ein neuer Sportwagen stand, in dem mehrere Puppen saßen. Ein übereifriger Mann stand davor und lud die maskierten Leute ein, an einem Gewinnspiel teilzunehmen. Die Puppen drehten Ebenezer ihre glänzenden Plastikköpfe zu und begannen ihren ausdruckslosen Mund langsam in ein Grinsen umzuformen, das schließlich von einem Ohrläppchen zum anderen reichte und sich blutrot färbte. Entsetzt wandte sich Ebenezer ab, um weiter zu laufen.

„Wissen Sie überhaupt, wo Sie hin wollen, Herr Scrooge?“ Es war die Stimme von Jacob Marley. Ebenezer drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und erblickte den Eulenmarley, der das erste Eulengeschöpf gewesen war, das ihn besucht hatte. In seinen Händen hielt es zwei Becher mit Glühwein.

„Trinken Sie mit mir. Dies ist ein großartiger Abend.“

„Fick dich!“

„Ich verbitte mir einen solchen Sprachgebrauch von Ihnen, Herr Scrooge. Warum so aufgebracht? Was wollen Sie beim armen Harry? Sie können ihm jetzt sowieso nicht mehr helfen! Sie sind ein Geist hier. Ein böser Geist.“

„Ihr seid die bösen Geister! Ihr verdammten Dinger, ihr verdammten … Eulen … EULENZOMBIES!“

„Ach ja? Sind wir das? Denken Sie nach, Herr Scrooge. Ich weiß, das können sie besonders gut. Wer ist denn durch sein abweisendes und kaltes Verhalten Schuld am Leid all der anderen?“

„Nicht ich! Ich habe niemandem dazu gezwungen, mich abzulehnen, habe niemanden gezwungen, meinetwegen Leid auf sich zu nehmen. Ich habe immer versucht wahr und ehrlich zu handeln! Sie tragen alle selbst die Schuld in sich, sind alle selbst für ihr eigenes Leben verantwortlich! Eure verdammte, falsche Gesellschaft ist Schuld, eure Heuchelei und eure Oberflächlichkeit. Euer Konsumfaschismus!“

„Harte Worte, harte Worte, Herr Scrooge. Und wer hat Ihren Sohn erzogen. Oder besser: Manipuliert? Wer hat ihn in den Abgrund gestürzt? Waren das nicht Ihre Ideen, Ihre Grundsätze, die ihn entfremdet haben, die ihn isoliert haben?“

„Ich weiß nicht genau was vorgefallen ist, oder besser, was vorfallen wird. Aber, ich bin mir sicher: Es war eure Gesellschaft, die ihn zurückgestoßen hat, eure Gesellschaft, die ihn isoliert hat, eure Gesellschaft, die …“

„Genug von ihrer Ignoranz! Sie haben die Schuld, Sie ganz allein! Sie hätten dafür sorgen müssen, dass Ihr Sohn ein eigenständiges Glied in der Gesellschaft wird, ein funktionierender Teil der Gesellschaft! Wissen Sie warum? Nicht alle sind so klug wie Sie. Nicht alle sind in der Lage, die Dinge so zu durchschauen, wie Sie.

Ihre Eltern, sie hatten niemals eine Chance Sie zu verstehen, haben niemals eine Chance gehabt aus ihrer Welt hinaus zu blicken. Und statt ihnen den Gefallen zu machen, sich einmal ein wenig anzupassen, haben Sie sich quer gestellt, haben Sie sie vor deren sozialen Umfeld bloßgestellt, haben Sie sie dazu gebracht, sich für Sie zu schämen. Ihre Eltern hatten keine andere Wahl, sie konnten nicht anders handeln, haben die Dinge nicht so sehr durchschaut.

Ihre Freunde ebenfalls. Sie waren für Ihre Freunde irgendwann nicht mehr tragbar und sie mussten sich entscheiden: Sie oder die reale Welt. Machen Sie ihnen deswegen einen Vorwurf? Machen Sie sich besser selbst einen Vorwurf, dass Sie Ihren Freunden nicht ein wenige entgegengekommen sind, sich nicht ein wenige angepasst haben.

Mit Nelly verhält es sich gleich. Die Ehe mit Pete ist schlimm geendet, Sie hätten dies verhindern können, hätten Nelly einen Grund geben können, nicht vor Ihnen zurückzuschrecken. Sie hätten sich ein wenig anpassen müssen.

Ihr Sohn, zu guter Letzt. Sie hätten ihn anpassen müssen, an diese Gesellschaft, hätten ebenfalls mit ihm zum Weihnachtsmarkt gehen müssen, hätten ebenfalls hier diese freundlichen Masken tragen müssen. Er konnte seine Situation besser verstehen, als all die anderen, aber sein Leid hat das nicht gelindert; Eher im Gegenteil! Er erkannte, dass er sich in einer Sackgasse befand, aus der er niemals heraus kommen könnte. Sie haben ihn dort hinein manövriert.

Sehen Sie? Sie allein tragen alle Schuld. Die Gesellschaft trägt niemals die Schuld.“

Der Eulenmarley hatte sich derart in Rage geredet, dass Speichel aus seinem dunklen Schnabel tropfte. Seine kalten, gläsernen Augen fixierten Ebenezer unbarmherzig. Ebenezer konnte nichts entgegnen, seine Gedanken wirbelten und während er seine Schuld immer weiter annahm, fühlte er, wie der Boden unter seinen Füßen wegkippte und das lustig-bunte Treiben des Weihnachtsmarktes in undurchdringlicher Schwärze verschwand.

Ebenezer wachte in seiner Küche auf dem Boden liegend auf und schaute sich verwirrt um. Ihm war kalt und Sonnenlicht schien durch die Fenster. Er schien die ganze Nacht hier auf dem Boden verbracht zu haben. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn einen erleichterten Seufzer ausstoßen; Es war noch Zeit, die Geschäfte hatten noch geöffnet.

Hastig machte er sich frisch, um dann in die Innenstadt zu eilen. Genauer: Zu einer Herrenboutique. Dort kaufte er sich einen Anzug. Im Anschluss legte er sich auch ein Paar feinster Lederschuhe und eine neue Uhr zu. Zufrieden kehrte er in seine kleine Wohnung zurück und legte eine Weihnachts-CD ein, um sich ein wenig in Stimmung zu bringen.

Am Abend dann machte er sich, bekleidet mit den neuen Erwerbungen, auf den Weg zur KM-Bar, um seine Kollegen zu treffen. Kurz bevor er die Bar erreichte, traf er in der Fußgängerzone auf eine Gruppe zottelig aussehender Jugendlicher, die zusammen musizierten. Sie spielen allerdings keine Weihnachtsmusik, sondern sangen aus voller Kehle „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Ebenezer hielt bei ihnen kurz inne, schüttelte dann den Kopf und setzte seinen Weg fort.

In der KM-Bar kam er schließlich zu seinen Kollegen, auch Nelly war dabei, und begrüßte sie überschwänglich mit „Frohe Weihnachten, meine Freunde!“

Er konnte sie alle nicht ausstehen.