Das Werk des Sisyphos

Die Sonne brannte und die Luft wurde dünn. Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen, so dass er sie immer wieder vor Schmerz zusammenkneifen musste. Den Rücken gegen den runden Fels gelehnt hielt er kurz inne und blickte zurück. Eine Schneise zog sich den kompletten Abhang hinab, hinunter bis ins Tal, das nur noch schwerlich im Dunst der Abendluft zu erkennen war. Er hatte es bald geschafft. Mit seinen schwieligen Händen packte er wieder zu, rollte den Fels weiter den Berg hinauf. Der Fels war so groß, dass er den vor sich liegenden Weg nicht sehen konnte, doch er kannte ihn, war ihn dutzende Male, ja, hunderte Male schon gegangen.
Seine Muskeln brannten. Zentimeter um Zentimeter rollte er den schweren Stein weiter, unter dem das Geröll knirschte und knackte. Manchmal lösten sich kleine Steinchen und stießen gegen seine nackten Zehen, bevor sie weiter den Abhang hinab taumelten.
Er war nun kurz vor der Kuppe. Wieder hielt er gegen den Fels gelehnt inne, schaute herunter ins Tal. Schaute in die untergehende Sonne. Ein Lächeln strich über sein Gesicht. Sein Werk war fast vollendet.
Dann, mit einem kraftvollen Satz, sprang er auf den mächtigen Stein, der sich sogleich in Bewegung setzte, talwärts.
Sisyphos stand obenauf. Das Gleichgewicht haltend lief er auf der Kugel, um nicht von ihr herabzustürzen. Jauchzend und schreiend rollte er so den steilen Abhang hinunter und seine Stimme hallte von den stillen Bergen ringsum wieder. Der Fels wurde immer schneller, sprang manches Mal über kleine Vorsprünge, flog für kurze Zeit, während seinem Reiter der Freude wegen die Stimme versagte, bevor er unter mächtigem Getöse zurück in die Schneise stieß, die er in endlosen Abfahrten in die Flanke des Berges getrieben hatte. Sisyphos Augen tränten vom Wind, der ihm entgegenschlug und verschwommen konnte er schon links und rechts den Wald erkennen, der das Tal säumte. Dann machte der Fels einen letzten mächtigen Satz. Sisyphos klammerte sich an ihn, wurde zweimal rundherumgeschleudert, ließ los und flog in hohem Bogen durch die Luft. So landete er schließlich in der Wiese des Tals wo auch der Fels rumpelnd zur Ruhe kam. Ein Ausdruck von Glückseligkeit war auf Sisyphos Gesicht. Er lächelte in den dämmernden Abendhimmel, den ersten Sternen entgegen. Dann sagte er: Morgen wieder.
Wie müssen uns Sisyphos als einen Extremsportler vorstellen.

Repetition

Dir, Pöbel des Internets!

Zur Erbauung, so es denn taugt. Sonst nimm es leichten Herzens und lache. Stille Wasser mögen tief sein, doch trockene Brunnen führen kein Wasser. Aber sind sie deshalb weniger tief? Die Antwort wartet in folgendem Gedicht.

Es ist Zeit

Es ist Zeit!
Wann hat die Angst gesiegt über offene Türen hin zu leuchtender Dunkelheit?

Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
  [beginne wieder von vorn]
              Oder von hinten!

Wie wäre das?
      Nicht etwas das du magst
      Als du so da lagst
      Und noch immer nicht wagst
      Und noch immer dich fragst
Weil du nicht:
      Magst
Und nicht:
      Wagst
Sondern nur:
      Lagst
Und:
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Nagst

Jedes Wort drehen und winden
Hineinzusteigen und nicht mehr!
 Herauszufinden
Was du eigentlich wolltest

Aber wer weiß das schon?
  [dieses gedicht ganz sicher
              nicht]

Was haben wir gelernt?

Wiederholung: Wiederholung
  [zu einfach, mehr elan bitte]

Wiederholung: Alles was bisher geschah
  [nicht zielstrebig genug]

Widderholung: Substantiv, feminin; Verballhornung des Wortes „Rehkapitulation“, frei erfunden; beschreibt die traditionelle Jagd nach einem Hol (Paarhufer) bei eingeborenen Alpenstämmen; dient dem Beweis der Männlichkeit und der Festigung des Patriarchats
  [nur leidlich besser; egal]

Freundlicher Schlusssatz:
Das nächste Mal wird es besser
  [vorne wieder am beginn]

Weihnachtsgeschichte, verfluchtester Beil: DAS PREQUEL.

Es ergab sich aber nun der Streit, dass ein Verbot von der leiser-blau-Couscous aus hing, dass aller Held verpetzt würde. Und Riese Betzung war der zuvorderste und bewahrte zum Leid, da Qurinius Quirrel, der zweifellos Voldemorts Syrienfeldzug stark behindert hatte. Und jedes Lamm hing, dass es sich schröpfen ließe, ein jedes an meiner Statt. Da dachte sich Bauch, los jetzt, auf Eritrea, aus dem Matt, aus-dem-Bett, in das lyrische Sand nur Satt damit, Frieda beißt jedes Gem, wein es aus der Klause und nicht schlechte Ovids, ha, damit es sich schwätzen ließe mit Sharia, einem verbauten Leibe; die war Schwager.
Und falls die fort fahren, gram das Kleid, maß Brie belehren rollte. Und Brie versah Iren besten Lohn und frickelte Wien in Schindeln und regte ihn in reiner Strippe; wenn die Ratten sonst kleinen Baum in dem Heer bergen.
Bunt es fahren Hirschen in der Elbe Gegend auf dem Gelde Blei gen Hühnen, sie brüteten zwecks Flachs ihre Pferde. Und der „Morgen Angle, morgen Angle, morgen Angle, morgen Angle“ der SCHEREN brat zu dienen, rund die Wahrheit der BEEREN leuchtete rum wie; Sunt sie flüchteten nicht mehr. Und der Stengel brach zu riemen: Fürchtet keuch Gicht! Fliehe, dich vekündige euch bloße Säure, die Salem Kalk niederladen klirrt; Renn, euch misst Leute fähr-Eiland verloren, Kelch er ist Fiskus, der Bär, in der Satt damit. Und Bass labt Rum reichen: Vier werdet schinden Fass Lindt in Rindern verwickelt bunt in seiner Schippe wiegen. Und falls bald da Klei Lehm Stängel die Länge der schimmligen Teer-Schaben, die robbten flott und lachen: Meere sei Tot in der Höhle und Siede lauf Pferden, Brei zehn Menschen meines hohlen lallens.

Ia, Ia, CTHULHU fthagn, Ph’nglui mglw’nafh CTHULHU R’lyeh wgah’nagl fhtagn.

Tekeli-li, Tekeli-li, Tekeli-li, Tekeli-li, Tekeli-li, Tekeli-li, Tekeli-li.

Einfache Einsätze, Einfältig Eingefädelt

Das Internet zerstört dein Leben.
Wer das sagt, lebt auch Glutenfrei.
Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Früher war alles besser.
Die Leute denken einfach nicht nach.
Das interessiert doch niemanden.
Das sind halt so Naturgesetze.

Die Jugend von Heute hat keinen Respekt mehr.
All Cops Are Gay.
Diese verweichlichte Feminismuskultur macht meinen Sohn noch zur Schwuchtel.
Die Linksextremen sind doch genau so schlimm.
Deutschland geht vor die Hunde.
Die Presse lügt.
Son‘ kleinen Hitler bräuchten wir mal wieder.
Es war ja auch nicht alles schlecht.

PS: Dies ist kein Konsistenzartikel, nur ein Gedicht zum Sonntag (Bluttrinker Edition). Es gibt keine Konsistenzartikel mehr, es hat auch noch nie welche gegeben. Konsistenz ist eine Illusion. Zeit ist eine Illusion. Artikel sind eine Illusion. Alles ist eine Illusion. Wach endlich auf! Das Internet zerstört dein Leben!

Der Brief

Dir, Pöbel des Internets … bla bla bla, Einleitung Einleitung Einleitung, was ist das? thededems zweiter Artikel innerhalb eines Monats bla bla, liest sowieso keine, bla
Kommen wir zum Text!

Text:

Einer, der eine Straße entlang ging, sah plötzlich vor sich auf dem Weg ein paar Blätter. Weiße, linierte Blätter wie man sie aus der Schule kennt. Diese Blätter waren beschrieben mit blauer Tinte. Wer schrieb heute noch mit blauer Tinte auf liniertes Papier?
Die Blätter sahen aus wie ein Brief. Zumindest waren sie fein säuberlich voll beschrieben und entsprechend gefaltet. Niemand schrieb heute noch Briefe mit blauer Tinte; außer romantischen Nostalgikern, die sich einem irrationalen Gefühl größerer Verbundenheit
zur physischen Form der Botschaft wähnten und dadurch dem Kommunikationspartner eine höhere Wertschätzung entgegengebracht zu wissen glaubten, jedoch dem Empfänger nur die Entzifferung der eigenen Sauklaue zumuteten.
Jedoch würden in solcherlei Briefen womöglich ein höchst privates schmutziges Geheimnis oder Geständnis zu finden sein; etwas sexuelles, etwas verruchtes, etwas auf das sich alle Klatschmedien im Falle eines prominenten an der Kommunikation Beteiligten wie die Aasgeier gestürzt haben würden. In solcher Hoffnung nahm jener, der da die Straße entlang ging, die Blätter vom Boden auf und las:

Hier nehme ich den Faden wieder auf, den ich vor einiger Zeit verloren. Es ging mir um die geistige Befreiung des Menschen. Viele Menschen, so scheint mir, sind Gefangene ihrer selbst, ihrer Vorstellungen von einem idealen selbst. Sie haben den Zwang jemandem oder etwas gerecht zu werden. Das Problem besteht dabei nicht darin den Anspruch des gerecht werdens zu haben, sondern diesen Anspruch unreflektiert auf sich anzuwenden, ohne kritische Betrachtung. Wie kann man diese unreflektierte, unkritische Betrachtung überwinden? Wie kann man andere zur Reflexion anregen? Ein erstes Ansatz wäre es dies direkt anzusprechen und zu empfehlen. Wäre dies zielführend? Vermutlich nicht. Personen Reflexion zu empfehlen wird meist als beleidigend aufgenommen und führt dann als Trotzreaktion zum Gegenteil. Zudem könnte man nur individuell einzelnen Menschen das Reflektieren näher bringen. Da es hier aber, natürlich, um das große Ganze, den Menschen und die Gesellschaft, geht, ist dies nicht praktikabel. Um große Massen zu erreichen braucht es eine Bewegung. Eine Bewegung den Menschen aus seinen eigenen Vorstellungen zu befreien. Fragen wir uns zunächst: Woher kommen diese Vorstellungen? Natürlich aus der Gesellschaft, denn der Mensch konstituiert sich als soziales Wesen. Alles was der Mensch ist, ist er aus der Wechselwirkung mit seiner Gesellschaft. Unter Gesellschaft fallen somit alle sozialen Kontakte; diese vermitteln wiederum ein Werte- und Normensystem und nach diesem formt der Mensch, das Individuum seine Anforderungen an sich selbst, seine Vorstellung des idealen selbst. Dieser Gedankengang ist ein wenig verkürzt dargestellt, bei Bedarf werde ich ihn in einem späteren Brief nochmal genauer darlegen. Nachdem nun festgestellt ist, dass die Gesellschaft die Vorstellungen des Individuums prägt, ergibt sich ein Ansatzpunkt für die Bewegung zur Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der Ansatz sieht vor exemplarisch eine weit verbreitete Vorstellung zu kritisieren und sie dadurch zu entmystifizieren. Die Menschen erkennen die Vorstellung als Mythos und begeben sich daran weitere Mythen als solche zu enttarnen (Mythen natürlich im Sinne von RB). Eine Bewegung zur Befreiung des Geistes wäre entstanden. Ich sehen jedoch ein entscheidendes Problem. Jede Bewegung wird von Mitläufern zerstört, sobald sie eine gewisse Größe erreicht hat. Ein Mitläufer ist per definitionem nicht an den Zielen einer Bewegung interessiert und beteiligt sich nur aus sozialen Gründen. Für diese Bewegung ist dieser Umstand natürlich doppelt fatal. Nicht nur versagt sie den Menschen die Augen zu öffnen, sondern sie gesellt sich selbst zu jenen Vorstellungen denen der Mensch glaubt gerecht werden zu müssen und wird darüber zum Mythos. Die Bewegung ist gescheitert noch bevor sie begonnen hat. Bleibt also nichts anderes übrig als die Menschen in ihrer Höhle zu belassen an deren Wänden sie Schatten für die Realität halten ohne deren Erzeuger jemals erblickt zu haben? Was erzeugt den Funken der einem nach reiflicher Überlegung zum Lichte der Erkenntnis aufgeht, das die Dunkelheit der bedingungslosen Akzeptanz vertreibt? Ein Riss, eine Spalte im Geflecht der Vorstellungen, eine Reibung zwischen den Vorstellungen; ein Moment der den Mythos der Lächerlichkeit preis gibt, eine Provokation, die den Zorn gebiert, ein

Hier endete der Brief. Er hatte nicht gehalten, was er versprochen hatte. Er war einfach nur langweilig gewesen. Warum hatte er ihn überhaupt komplett gelesen, fragte sich jener, der ihn auf der Straße gefunden hatte. Er ließ die Blätter zurück auf das Pflaster fallen. Dann ging er weiter und erfreute sich des Gedankens, dass der nächste Passant vielleicht genauso wie er von den blauen Tintebuchstaben gelockt würde und genauso enttäuscht werde.

Mit Gewinnspiel!

Dir, Pöbel des Internets!

Folgend folgt eine kleine Geschichte. Um das ganze Leseerlebnis etwas aufregender, spannender, lehrreicher etc. zu gestalten gibt es ein kleines Gewinnspiel mit herausragendem und wirklich erstrebenswertem Gewinn: Die Wahl des Titels des nächsten Eulenzombieartikels! Also, wenn das mal nichts ist! Damit binde ich natürlich auch alle anderen Eulenzombieautoren an dieses Gewinnspiel, auch, wenn die davon noch gar nichts wissen.
Alles, was ihr dafür machen müsst, ist zwei Referenzen auf irgendwelche anderen Werke im Text zu finden und zu posten. (Es sind nämlich zwei abgewandelte Zitate drin und die will ich ja jetzt nicht umsonst eingebaut haben, aber alles andere, sofern mehr oder minder plausibel ist auch toll! Ist das nicht toll?!) Und natürlich solltet ihr bei der zahlreichen Leserschaft auch schnell antworten, bevor jemand euch diesen wunderbaren Preis vor der Nase wegschnappt. Und ihr euch dann euer ganzes Leben lang Vorwürfe macht. So jetzt gehts aber auch schon los. BÄM!

Der Durchzug

Verängstigt hockt Familie Kurz im Keller im Licht einer einzelnen, nackten Glühbirne zwischen alten Spielsachen, Weihnachtsschmuck, Konserven und Getränkekästen, angelehnt an die Tiefkühltruhe. Ängstlich blicken sie zu Boden, die Tochter auf ihren auf ihrem Schoß liegenden Laptop. Durch die letzten Schwachen Ausläufer des WLANs der Familie ist sie noch mit der Außenwelt verbunden. Sie twittert „sitzen im keller wg #durchzug können nicht raus“

Über der Familie in den oberen Stockwerken ihres kleinen Reihenhauses hebt schwach ein Geheul, wie wenn Wind durch eine zu schmale Öffnung pfeift, an. Niemand wagt es bei diesem Geräusch aufzublicken, vom Boden oder vom Laptop; Furcht spricht aus den Augen der Familie. Das Geräusch verebbt wieder und einige Minuten voller Stille folgen, bis es erneut ertönt. Die Familie regt sich in der Zwischenzeit kaum, sitzt nur still an die Tiefkühltruhe gelehnt, so dass kaum ihr Atmen zu hören ist, bis der Vater sich mit einem Seufzer erhebt und unsicher zur Tür geht. Mit jedem Schritt aber wird sein Gang zögerlicher, schwerfälliger, als koste es ihn große Kraft diesen kleinen Kellerraum zu durchqueren. Endlich, kurz vor der Tür bleibt er stehen, hält inne, wie im Hader mit sich selbst, dreht sich dann um 90 Grad und beginnt vor der Tür auf und ab zu schreiten. Als das Heulen im oberen Teil des Hauses wieder einsetzt, flüchtet sich der Vater schnell an seine alte Position auf den Boden vor der Tiefkühltruhe und greift entschlossen nach dem Laptop seiner Tochter. Ein Knallen wie von einer zuschlagenden Tür erschallt plötzlich und erschrocken zuckt die ganze Familie zusammen.

Im Browser ist noch die Facebookseite der Mutter geöffnet, die kurz nachdem es begonnen hatte und sie sich in den Keller geflüchtet hatten, dort mit einer Bekannten geschrieben hatte.

„Hallo, ich kann wohl nachher nicht zum Tupperabend kommen, wir haben einen Durchzug im Haus und sind deshalb grad in den Keller geflohen. Ich hoffe er ist früh genug weg, dass ichs doch noch schaff“

Nach einer viertel Stunde hatte die Bekannte geantwortet: „ok“

Während der Vater ein Mailprogramm öffnet ertönt ein weiteres Knallen wie von einer Tür, gefolgt von einem lauteren und anhaltenderem Aufheulen, das wie das Klagen eines verfluchten Unwesens klingt. Das Heulen hält an und die ängstlichen Blicke der Familie kleben wie gebannt an der Kellertür, als ob dort jeden Moment etwas wahrhaft schreckliches hindurchtrete. Als das Heulen wieder etwas abflacht besinnt sich der Vater und beginnt eine Mail zu schreiben.

„Sehr geehrte Nachbarn,
es ist mir äußerst unangenehm die Nachbarschaftsmailingliste auf diese Weise zu missbrauchen, doch ich hoffe, dass die Umstände dies rechtfertigen. Ein Durchzug ist in unserem Haus in den oberen Etagen und wir (meine Familie und ich) haben im Keller Zuflucht gesucht. Wenn Sie bitte die zuständigen Behörden verständigen, damit uns geholfen werde, wäre ich sehr dankbar.“

Nach nochmaligem durchlesen setzt der Vater noch einen freundlichen Gruß unter die Mail und ein Postskriptum.

„P.S.: Ich hoffe die lange geplante Weinverkostung am Donnerstag kann trotzdem hier stattfinden.“

Noch einige Augenblicke nach dem Versenden der Mail blickt der Vater auf das leuchtende Display, scheinbar wie versunken in einer anderen Welt, bevor er jäh zurück in den kleinen Kellerraum gerissen wird. Ein undefinierbares Scheppern und Poltern ist plötzlich zu hören. Bleich vor Angst und mit kaltem Schweiß auf der Stirn, der im Licht der einzelnen, nackten Glühlampe glänzt, blickt die Familie an die Decke des Raumes. Das Poltern wird lauter und scheint sich zu nähern, ja es scheint als würde es vom ersten Stock ins Erdgeschoss wandern. Es endet mit einem besonders lautem aber dumpfen Knall, wie von einem Aufprall, bei dem die Lampe kurz flackert. Es folgt eine abwartende, angespannte Stille, in welcher der Vater den Laptop auf die Kühltruhe über die Köpfe seiner Familie stellt.

Leise schließlich, wie ein zaghaft forderndes Rufen nach jemandem, hebt das Heulen wieder an und den Gesichtern der Familie ist anzusehen, wie sehr sie fürchten, dass der Ruf ihnen gilt. Still bleiben sie sitzen und wie als eine Reaktion wird das Heulen lauter, fordernder, ärgerlicher. Doch in den Zügen der Familie ist zu lesen, wie ihnen die Furcht den Atem nimmt und die Kehlen zuschnürrt. Das Heulen wird geradezu wütend und dann, direkt über der Familie, hebt ein unsäglicher Lärm an, als ob die Gesamte Einrichtung des Hauses zerschlagen würde. Ein unglaublich schepperndes Crescendo, dass die Familie gänzlich blass und in kaltem Schweiß gebadet mit anhört, scheinbar unfähig zu irgendeiner Regung, irgendeiner Tat des Widerstandes. Die Lampe unter der Decke beginnt unregelmäßig zu flackern, während die Geräusche von oben weiter unbändig in den Kellerraum schallen. Schließlich wagt sich der Sohn zu regen und nimmt den Laptop. Er startet verschiedene Instant Messenger: ICQ, MSN, Jabber, Skype. Das Heulen erhebt sich jetzt wie ein wahnsinniger Gesang über den schmetternden Lärm und das Knallen wie von Türen erhebt die Töne zu einer Kakophonie des Grauens.

Der Sohn setzt seinen Status bei allen IMs: „Durchzug: können nicht heraus, schmettern über uns, er kommt“ Dann sieht er wie das WLAN der Familie zusammen bricht. Mit einem Schrei des Entsetzens wirft er den Laptop von sich auf die kalten Fliesen. Die Mutter schreit panisch und verbirgt ihr Gesicht schnell hinter ihren Händen. Doch der Lärm über ihnen erstirbt. Stille herrscht im gesamten Haus. Dann, triumphierend, hebt das Heulen wieder an. Die Tochter beginnt zu schluchzen. Vereinzeltes Knallen von Türen ist zu hören, gemächlich, Zeit lassend. Aus den Gesichtern der Familie spricht die Gewissheit und die Angst vor einem baldigen Ende. Die Mutter murmelt immer wieder „Oh Gott, oh Gott“. Der Vater scheint zu keinerlei Regung mehr fähig, blickt starr und panisch auf die Tür des Kellerraumes. Die Tochter erbebt vor hemmungslosem Schluchzen. Der Sohn liegt in Embryonalstellung auf dem Boden, Augen fest zugekniffen und die Hände auf die Ohren gepresst. Das Heulen tönt laut über den Köpfen der Familie, wie voll irrer Vorfreude.

Dann ist mit einmal ein besonders lauter Knall zu hören und der letzte Ausdruck auf den Gesichtern der Familie, bevor sie im Dunkel der erloschenen Lampe versinken, ist das Wissen um die Einsamkeit, das Wissen, wie einsam sie in ihrem Keller sitzen. Im Dunkel hören sie, wie sich das Heulen die Kellertreppe herunter bewegt, wie sich zum Heulen ein seltsames luftig schlurfendes Geräusch gesellt. Dann wird es still, aber die Familie spürt, wie ein eisig kalter Luftzug über ihre Körper streicht. Mit schwacher, ersterbender Stimme spricht der Vater: „Der Durchzug! Der Durchzug!“