Gedicht zum Sonntag

Vor dem Sonnenuntergang

Still überholen vier Elektroroller auf der Startbahn
Sie strecken ein Bein von sich und frohlocken
Ein Hund rennt, ein kleines Mädchen ihm hinterher
Jenseits der Autobahn leuchtet hysterisch ein Autohaus
Doch in der grauen Dämmerung sind die Rücklichter längst zu roten Pünktchen geworden

Widerstände

Ein Märchen

Sie stürzten ab, froh dass es niemanden gab, der sie rettete, denn sie bedurften keiner Rettung, nur der Schwerelosigkeit im Fall und des Lebens im Aufschlag.

—Aus einem Notizbuch

Eines Abends …

Null Uhr. Zeit ins Bett zu gehen, wenn ich morgen ausgeschlafen sein möchte. Schon in diesem Moment weiß ich nicht mehr, was ich die letzten Stunden getan habe. Irgendetwas im Internet. Vermutlich. Was ich eigentlich hätte tun sollen drängt mit Macht zurück in mein Bewusstsein, die Sedierung endet. Verlorene Zeit, so viel verlorene Zeit. Schwindel überkommt mich, meine Kehle schnürt sich zu. Jetzt noch mit der Arbeit anzufangen, wäre vergebens, viel zu spät. Morgen muss ich fit sein. Fit und ausgeschlafen. Um einen weiteren Tag zu Grabe zu tragen. Prokrastination ist anstrengend.

Prokrastination. Was ist das? Zuallererst einmal ein Aufschieben, das Drücken vor einer unliebsamen Aufgabe. Man prokrastiniert, wenn man etwas macht aber eigentlich etwas ganz anderes machen sollte. Wenn man beispielsweise die Wohnung putzt, statt sich endlich an die Hausarbeit zu setzen. Natürlich, die Wohnung sieht aus wie Sau, das dreckige Geschirr stapelt sich in der Spüle, die Wollmäuse huschen bei jedem Luftzug über den Boden, aber dennoch. Man hast diesen Zustand über die letzten Wochen ausgehalten, mit nur den nötigsten Putzarbeiten dann und wann, warum also gerade jetzt die Grundreinigung? Weil es keine andere Aufgabe mehr zu erledigen gibt als diese Hausarbeit zu schreiben. Oder für diese Klausur zu lernen. Oder Ordnung in das absolute Chaos zu bringen, dass in der Wohnung herrscht. Prokrastination ist in gewisser Weise eine Metahandlung, eine Handlung zweiter Ordnung. Wenn ich aufräume kann das Prokrastination sein, muss es aber nicht. Das hängt davon ab, ob durch das Aufräumen eigentlich nur eine dringendere und unliebsamere Aufgabe aufgeschoben wird.

Aber warum der Begriff Prokrastination, wenn doch auch aufschieben oder sich vor etwas drücken scheinbar das gleiche Phänomen beschreiben? Diese beiden Alternativen decken sich nicht mit der Prokrastination. Drückt man sich vor etwas, dann hofft man, dass es vorüberzieht. Man kauert so lange in seinem Versteck, bis die Gefahr gebannt ist. Man entgeht und kommt davon. Das Prokrastinieren ist aber nur ein Aufschub. Man drückt sich in diesem einen Moment, aber auf lange Sicht gibt es kein Entkommen. Vergleicht man hingegen die Prokrastination mit dem Aufschieben, dann fehlt bei letzterem die negative Konnotation, die vom Aufschiebenden selbst ausgeht. Den Aufschub erduldet man. Man ist gezwungen etwas aufzuschieben, da sich etwas anderes aufdrängt. Die Hausarbeit schiebt man auf, weil sich spontan Besuch für den Abend angekündigt hat und deshalb die Wohnung geputzt werden muss. Die Prokrastination aber ist eine Mischung aus sich drücken und aufschieben. Man entgeht für den Moment der unliebsamen Aufgabe durch eine Ablenkung, letztendlich muss man sich ihr aber doch stellen.

Der Grund für die Prokrastination liegt im Widerstand, den man gegenüber der anstehenden Aufgabe spürt. Dieser Widerstand begründet sich in der Regel in einer Angst, Unsicherheit oder Überforderung. Prokrastiniert man, fühlt man sich schlecht. Man mag sich für einen Moment über die saubere Wohnung freuen, doch im nächsten Moment kommt die Einsicht, dass man eben nicht an der Hausarbeit geschrieben hat. Das gute Gefühl, dass durch die prokrastinierende Handlung ausgelöst wird, wird sofort wieder durch das Schuldbewusstsein sich vor etwas Wichtigerem gedrückt zu haben ausgelöscht. Doch das elende Gefühl, das die Prokrastination verursacht reicht nicht aus, um den Widerstand zu überwinden, der sie überhaupt erst auslöst.

Der Widerstand richtet sich gegen die aufgeschobene Aufgabe, gegen das Zwingende. Das Zwingende drängt sich auf, erscheint unheilvoll am Horizont, drängt zum Handeln. Es übt Gewalt, lässt all jene leiden, die sich ihm widersetzen, lässt sie leiden in Versagensängsten, in Gefühlen der Hilflosigkeit und des Scheiterns, im schlechten Gewissen. Die Gründe der Prokrastination, Angst, Unsicherheit, Überforderung, sind die Folterinstrumente des Zwingenden. Durch den Widerstand schadet man in erster Linie sich selbst. Die Ergebnisse, die man am Ende produziert, sind häufig suboptimal, man scheint den Ansprüchen, die an einen gestellt werden, nicht gerecht zu werden. Die Prokrastination, obwohl sie sich im Privaten abspielt, ist immer auch gesellschaftlich. Sie rückt einen in die gesellschaftliche Position des Versagenden, des hakenden Rädchens im System.

Eine der obersten Doktrinen der gegenwärtigen Gesellschaft ist die der Selbstoptimierung. Die Position, die man im Leben einnimmt, sei, so ist die allgemeine Auffassung, in erster Linie selbstbestimmt. Das Individuum hat sich als eigenverantwortliches Subjekt erkannt und handelt entsprechend; die Geschichte des eigenen Glückes Schmied. Die durch diese Emanzipation aufgelösten Gewissheiten sind durch ein Streben zum Besseren ersetzt worden. Wurde die Position im Leben, sowohl geographisch wie auch gesellschaftlich, von der Position der Eltern geprägt, so fällt diese Gewissheit heute weg. Man muss sein Leben nicht im Kuhdorf der Kindheit fristen und nur weil die Eltern im Handwerk tätig waren, kann man dennoch eine akademische Laufbahn anstreben. Stattdessen sucht man den besseren Job, die bessere Stadt. Was besser ist, ist nebulös und natürlich wieder von der Gesellschaft geprägt und die verlangt direkt wieder eine Rechenschaft über die Entscheidung. Saarbrücken? Warum nicht Frankfurt, Köln, Hamburg oder — Engelschöre — Berlin? Aus der gewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung ist der gesellschaftliche Anspruch, diese optimal zu nutzen, erwachsen.

Das Streben nach dem Besserem ist ein Heilsversprechen, das Orientierung bietet zwischen scheinbar unendlichen Möglichkeiten, aber nicht erst am Ende mit dem Glück winkt. Nach der christlichen Lehre, musste man sein ganzes Leben erdulden, nach strengen Regeln leben, damit nach dem Tod Einlass ins Paradies gewährt wurde. Wohl demjenigen, den schon im unschuldigen Kindesalter das Zeitliche gesegnet hat. Heute ist das Paradies schon zu Lebzeiten erreichbar, doch die Strenge der Regeln, die über den Einlass wachen, ist nach wie vor hart. Man muss durch den eigenen trainierten Körper die Follower auf Instagram beeindrucken, man muss die eigene, genau regulierte Ernährung genießen können, man muss auf Facebook eine Freundeszahl im vierstelligen Bereich aufweisen können, man muss eine kleine Zahl von echten Freunden haben, um den Rest
ignorieren zu können, man muss sich losgesagt haben, von den Ketten der sozialen Netzwerke, man muss den eigenen Job lieben, man muss sich eine Auszeit nehmen können, man muss im Urlaub Orte ohne all die bescheuerten Touristen besuchen und diese ganz spezielle Erfahrung machen, man muss die perfekte Work-Life-Balance finden; das Leben muss einfach geil sein. In jeder Minute. Aber ohne Anstrengung, sondern einfach gechillt. Es zeigt sich schon, dass die Erfüllung dieser Ansprüche mit der Darstellung dieser Erfüllung einhergeht. In den sozialen Netzwerken präsentiert jeder sein eigenes perfektes Leben. Man versichert sich selbst, indem man sich durch andere betrachten lässt und nach deren Bestätigung verlangt. Kommunikation mit Interesse an einem Austausch ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein Zurückziehen auf sich selbst, durch das die Mitmenschen zu Bestätigern und Vergleichsobjekten degradiert werden. Eine Fassade wird aufgebaut, die auch der Verdrängung dient, der Verdrängung von Tod und Verfall, von den eigenen Unzulänglichkeiten. Das Heilsversprechen umfasst, nicht eines Tages dement im Altersheim vor sich hinzusiechen, sondern auch mit Neunzig noch zu bouldern. Das sich das alles auch kapitalistisch wunderbar ausbeuten lässt liegt auf der
Hand. Produktive Arbeiter, die ihr Leben lang gesund und fröhlich ihren Job antreten und das verdiente Geld in ihre aufwendige Persönlichkeit investieren, bedeuten niedrige Kosten und hohe Profite. Die Selbstdarstellung entsolidarisiert die Arbeiter untereinander, lässt sie gegeneinander ausspielen und lässt sie größere Opfer vollbringen. Das Scheitern im Job bedeutet das persönliche Scheitern, einen intolerablen Makel im Selbstbild, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Pokrastiniert man, dann trägt man diesen Makel bereits in sich. Das Zwingende transportiert all die gesellschaftlichen Anforderungen und widersetzt man sich ihm, widersetzt man sich auch der Gesellschaft, die es hervorgebracht hat. Prokrastiniert man, so ist dies keine geile und auch keine produktive Zeit (produktive Prokrastination ist ein Irrglauben). Sie ist verschwendet und man fühlt sich elend, währenddessen und danach. Man sammelt keine aufregenden Erfahrungen, man arbeitet nicht an sich selbst, man leistet nicht mal aktiv Widerstand, sondern wird von einem Teil der eigenen Psyche dazu gezwungen, den man nicht kontrollieren kann. Das Leiden ist auch nicht das eines Märtyrers, dem das Paradies winkt, denn die Prokrastination verwehrt gerade den Einlass in eben jenes. Sie überwältigt und konfrontiert mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit Verfall und Tod. Die Prokrastination lässt die Selbstoptimierung scheitern und entbindet damit von deren Joch. Sie reißt ein Loch in die Fassade der Selbstdarstellung, durch die eine Kommunikation wieder möglich wird, im gegenseitigen Austauschen des Leids. Sie lässt uns unserer überdrüssig werden und wieder nach außen richten. Ich klage auf Facebook mein Leid. Alle Welt soll wissen, welche Qualen icherdulde, wie ich in der Prokrastination versinke. Es dauert nicht lange, dann kommen die Likes, die Beileidsbekundungen. Unzählige Prokrastinationsgeschichten werden gepostet und aber keine, das merke ich schnell, ist so deprimierend wie meine. Mit gutem Gefühl lege ich mich schlafen.

Keine Weihnachtsgeschichte

Fröhliche Weihnachten, dir, Pöbel des Internets!

Und ein kleiner, besinnlicher Text, ganz ohne Bezug zu den Feiertagen.

 

Der Ballon

Morgenfrühe und bittere Kälte herrschten am Bahnsteig, denen sich nur eine handvoll Leute aussetzten. Da kam, aus dem Augenwinkel heraus, ein schwarzer Ballon herangehüpft. Er sprang im Gleisbett zwischen den Steinen hin und her, zielstrebig, mal höher, mal weniger hoch, immer den, sich in der Ferne verlaufenden, Schienen folgend. In der Mitte des Blickfelds angelangt, hielt er inne, gönnte sich eine Pause und rollte nur dann und wann träge ein paar Steine weiter. Er hatte schon einiges seiner einstigen Fülle eingebüßt. Seine Oberfläche war matt und an manchen Stellen schrumpelig. Wie lange dauerte es, bis einem Ballon die Luft ausging? Ein schwacher Wind kam auf, verschärfte die Kälte. Der Ballon nahm hüpfend wieder seinen Weg auf, dem Ende des Bahnsteigs entgegen. Als der Zug kam, war von ihm längst nichts mehr zu sehen.

Von der Leichtigkeit des Euphemismus

Dir, Pöbel des Internets,

sei hier eine kleine Geschichte zur Erbauung gegeben. Der Sommer ist da, der Urlaub gebucht oder gar schon angetreten und man kann es kaum erwarten die Leichtigkeit ferner Strände zu erleben und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Nun denn, hier ist ein Text, dessen Sujet zumindest dieser Einleitung entspricht, auch wenn sein Kern wahrhaft zynisches erahnen lässt.

Der Moment der Schwerelosigkeit

Es war genau um 11:03, als im Strandabschnitt des Hotel de la Mer plötzlich die Schwerkraft aussetzte. Die Urlauber, die sich zur besagten Zeit am besagten Ort aufhielten, spürten zunächst eine ungeahnte Leichtigkeit, die schnell eine Euphorie auslöste. Diejenigen, die über den Strand schlenderten, fanden sich nach einem Schritt plötzlich in die Luft gehoben und ruderten mit den Armen, wie um ihr Gleichgewicht zu halten, um nicht zu fallen. Doch gab es kein Gewicht mehr und Fallen war ihnen gar nicht möglich. Vielmehr trieben sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach oben, dem blauen Himmel entgegen.

Diejenigen, die auf ihren Handtüchern im Sand oder in den zahlreichen Liegen lagen, reagierten häufig mit einem kurzen Schreck, begleitet vom typischen Zucken, das sie ebenfalls ihres Lagers enthob und in die Lüfte beförderte. Versuche sich an die Liege oder das Handtuch zu klammern, um so den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren, scheiterten daran, dass auch Liegen und Handtücher nicht mehr den Gesetzen der Schwerkraft gehorchten und ebenfalls himmelwärts strebten.

Ein kleines Mädchen, das gerade eine Sandburg baute stieß einen Schrei aus, als es durch das Festklopfen der Mauer von seinem Vormittagswerk getrennt wurde. Tatsächlich waren viele Schreie zu hören, ausgestoßen aus Verwunderung und Aufregung und Freude, ob dieser seltsamen Schwerelosigkeit.

Ein großer Teil des Strandes trieb in der Luft; junge und alte Leute in Badeanzügen, Bikinis und Badehosen. Ein junges Paar, ihre Haut war noch ganz weiß, waren sie doch gestern erst angekommen und hatten noch keine Zeit zum Sonnen gehabt, hielt sich bei den Händen, um nicht voneinander getrennt zu werden. Auch sie hatten große Augen und offene Münder und stießen Laute der Verzückung aus. Zwischen ihnen und den anderen Badegästen schwebten Handtücher, Liegestühle, Flip-Flops, Taschen und und auch ein wenig vom hellen Strandsand.

Michel befand sich in der Mitte dieser leicht gewordenen Gesellschaft. Unbemerkt von den anderen, die viel zu sehr damit beschäftigt waren ihr neues Gefühl der Freiheit zu kosten, lag er schwer in seiner Liege und beobachtete das Treiben um ihn herum. Der Sonnenschirm, der ihm gerade noch Schatten gespendet hatte, wurde von einer Frau mit Dauerwelle ergriffen und fortgetragen. In Michels Schoß lag ein halb zerfleddertes Buch. Seine linke Hand klammerte sich fest um die Lehne der Liege und ließ die Knöchel weiß hervortreten. Seine rechte Hand steckte in seiner großen Sporttasche. Er freute sich über die Euphorie der anderen, auch wenn er dieses Gefühl niemals würde teilen können. Er fühlte sich wie ein Fels. Ein frösteln überkam ihn, als ein Fettwanst vorbeischwebte und ihn in Schatten tauchte. Es war Zeit. Er nahm die Hand aus der Sporttasche und behutsam wurden die Urlauber wieder auf den Strand gesetzt.

Viele blieben im Sand liegen, als die Schwerkraft sich ihrer wieder bemächtigt hatte. Sie waren erschöpft und die wenigen, die nicht liegen blieben wankten auf wackeligen Beinen umher. Das Pärchen, das gestern erst angekommen war, ruhte reglos, ineinander verschlugen. Die Wellen, die ihre Körper umspielten kühlten ihre Gemüter. Das kleine Mädchen mit der Sandburg hatte von der Aufregung Nasenbluten bekommen. Die meisten waren müde und still, nur vereinzelt wurde noch ein glückseliges Jauchzen ausgestoßen.

Michel spürte nur die unendliche Schwere, die ihn hinabzog, in die Erde, und blickte ein letztes Mal auf den unerreichbaren Himmel, bevor er die Augen schloss.

Das Werk des Sisyphos

Die Sonne brannte und die Luft wurde dünn. Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen, so dass er sie immer wieder vor Schmerz zusammenkneifen musste. Den Rücken gegen den runden Fels gelehnt hielt er kurz inne und blickte zurück. Eine Schneise zog sich den kompletten Abhang hinab, hinunter bis ins Tal, das nur noch schwerlich im Dunst der Abendluft zu erkennen war. Er hatte es bald geschafft. Mit seinen schwieligen Händen packte er wieder zu, rollte den Fels weiter den Berg hinauf. Der Fels war so groß, dass er den vor sich liegenden Weg nicht sehen konnte, doch er kannte ihn, war ihn dutzende Male, ja, hunderte Male schon gegangen.
Seine Muskeln brannten. Zentimeter um Zentimeter rollte er den schweren Stein weiter, unter dem das Geröll knirschte und knackte. Manchmal lösten sich kleine Steinchen und stießen gegen seine nackten Zehen, bevor sie weiter den Abhang hinab taumelten.
Er war nun kurz vor der Kuppe. Wieder hielt er gegen den Fels gelehnt inne, schaute herunter ins Tal. Schaute in die untergehende Sonne. Ein Lächeln strich über sein Gesicht. Sein Werk war fast vollendet.
Dann, mit einem kraftvollen Satz, sprang er auf den mächtigen Stein, der sich sogleich in Bewegung setzte, talwärts.
Sisyphos stand obenauf. Das Gleichgewicht haltend lief er auf der Kugel, um nicht von ihr herabzustürzen. Jauchzend und schreiend rollte er so den steilen Abhang hinunter und seine Stimme hallte von den stillen Bergen ringsum wieder. Der Fels wurde immer schneller, sprang manches Mal über kleine Vorsprünge, flog für kurze Zeit, während seinem Reiter der Freude wegen die Stimme versagte, bevor er unter mächtigem Getöse zurück in die Schneise stieß, die er in endlosen Abfahrten in die Flanke des Berges getrieben hatte. Sisyphos Augen tränten vom Wind, der ihm entgegenschlug und verschwommen konnte er schon links und rechts den Wald erkennen, der das Tal säumte. Dann machte der Fels einen letzten mächtigen Satz. Sisyphos klammerte sich an ihn, wurde zweimal rundherumgeschleudert, ließ los und flog in hohem Bogen durch die Luft. So landete er schließlich in der Wiese des Tals wo auch der Fels rumpelnd zur Ruhe kam. Ein Ausdruck von Glückseligkeit war auf Sisyphos Gesicht. Er lächelte in den dämmernden Abendhimmel, den ersten Sternen entgegen. Dann sagte er: Morgen wieder.
Wie müssen uns Sisyphos als einen Extremsportler vorstellen.

2017, Seife, etc.

Dir, Pöbel des Internets!

Hier, aha, oho, ein neuer Artikel auf diesem fabulösen Blog, der doch so gern vor sich hin schlummert. Da es sogar der erste diesen Jahres ist, bleibt es wohl an mir noch ein frohes Neues zu wünschen, auch wenn es längst nicht mehr so neu ist. Ob es nun ein frohes sei, mag jeder selbst entscheiden.
Auch im neuen Jahr wird der Eulenzombie natürlich auf literarisch niedrigstem höchstem Niveau operieren: Er bleibt ein Qualitätsmedium. Und nun beginnt es sogleich mit Seife.

Das Vergehen der Seife

Das Wasser floss lautlos in den Abfluss. Sie war dünn wie Papier. Das nächste Mal würde sie sich ganz auflösen, die schwarze Seife. Es war als wäre ihrem einst runden Körper mit der Zeit die schaumige Luft entwichen, gleich einem Ballon, und nun war sie ganz platt.
Warum fielen ihm immer solche seltsame Sätze ein, wenn er ganz alltägliche Dinge beobachtete? Machten andere dies auch? Vor kurzem hatte er gelesen, dass das laute Selbstgespräch keinesfalls ein Anzeichen für einen sich anbahnenden Wahnsinn sei, sondern, eher im Gegenteil, bei der Konzentration, dem Umgang mit Stress und dem emotionalen Haushalt allgemein helfe. Dies hatte ihm Hoffnung gegeben, vielleicht doch ganz normal zu sein, und nicht besonders oder verrückt oder besonders verrückt, weil er, natürlich nur wenn niemand anderes dabei war, gerne vor sich hin sprach, oder eher brabbelte, und dann auch über seine eigenen Aussprüche sich belustigte und dann amüsiert sich vorstellte, wie er von Fremden dabei beobachtet würde, und diese würden ihn für verrückt halten, obwohl er ja sein eigenes verrücktes Tun erkannte und darüber selbst lachte, was aber noch wahnsinniger wirken musste, und dann wurde er still und ernst und blickte sich verstohlen um, ob nicht doch jemand da sei und ihn beobachtete, aber da war natürlich niemand und dann lachte er über seine eigene Verschrobenheit.
Wenn nun das Selbstgespräch aber sogar gesund sei, in einem gewissen Sinne, dann gab es gar keinen Grund es zum Ausdruck von Wahnsinn zu erklären. Vielmehr hatte man nun einen logischen Grund, konnte sagen: Ich spreche und lache mit mir selbst, weil ich mich so besser konzentrieren und mit all dem Stress umgehen kann. Und dann war das Selbstgespräch vielleicht gar nicht so geächtet, wie er dies immer geglaubt hatte, wenn schon ein Artikel dazu auf der Homepage einer großen, deutschen Tageszeitung erschien und das Selbstgespräch verteidigte. Vielleicht sprachen alle Menschen mit sich im Geheimen und rümpften nur die Nase darüber, um ihr Gesicht zu wahren; oder rümpften überhaupt nicht ihre Nase und hatten nur den Eindruck alle außer ihnen würden die Nase rümpfen, weil sie es erwarteten. Vielleicht war dies auch nur bei ihm der Fall und eigentlich hätte er sein ganzes Leben frei und laut vor sich hinbrabbeln können und niemand hätte jemals die Nase gerümpft. Und vielleicht dachten auch alle solche komischen Sätze bei dem Anblick von etwas ganz alltäglichem und versanken daraufhin in Grübeleien über sich und die anderen und Selbstgespräche. Aber wahrscheinlich war dies nur bei ihm so. Immerhin hatte er darüber noch keinen Artikel auf der Homepage einer großen, deutschen Tageszeitung gelesen, obwohl es dort im Allgemeinen ziemlich viel zu lesen gab.
Möglicherweise lag es daran, dass er sein Leben als Erzählung sehen wollte, in der spannende Dinge passierten, die den Leser und Protagonisten überraschten. Eben kein gewöhnliches Leben führen, sondern eines, in dem sich hinter allen Einzelheiten ein philosophischer Gedanke, ein symbolischer Gehalt verbarg, auch oder gerade in den alltäglichen Dingen. Und so fantasierte er ganze Abhandlungen in das Vergehen der Seife, aber traute sich noch nicht einmal in der Öffentlichkeit mit sich selbst zu reden, solch eine kauzige Eigenart anzunehmen und sich so einen einprägsamen, für den Leser interessanten Charakterzug zu geben. Doch er war so still, wie das seifige Wasser nun im Abfluss versank.

Repetition

Dir, Pöbel des Internets!

Zur Erbauung, so es denn taugt. Sonst nimm es leichten Herzens und lache. Stille Wasser mögen tief sein, doch trockene Brunnen führen kein Wasser. Aber sind sie deshalb weniger tief? Die Antwort wartet in folgendem Gedicht.

Es ist Zeit

Es ist Zeit!
Wann hat die Angst gesiegt über offene Türen hin zu leuchtender Dunkelheit?

Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
Schwer ist der Geist der
Schwer isst der Geist der
  [beginne wieder von vorn]
              Oder von hinten!

Wie wäre das?
      Nicht etwas das du magst
      Als du so da lagst
      Und noch immer nicht wagst
      Und noch immer dich fragst
Weil du nicht:
      Magst
Und nicht:
      Wagst
Sondern nur:
      Lagst
Und:
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst
  Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Fragst Nagst

Jedes Wort drehen und winden
Hineinzusteigen und nicht mehr!
 Herauszufinden
Was du eigentlich wolltest

Aber wer weiß das schon?
  [dieses gedicht ganz sicher
              nicht]

Was haben wir gelernt?

Wiederholung: Wiederholung
  [zu einfach, mehr elan bitte]

Wiederholung: Alles was bisher geschah
  [nicht zielstrebig genug]

Widderholung: Substantiv, feminin; Verballhornung des Wortes „Rehkapitulation“, frei erfunden; beschreibt die traditionelle Jagd nach einem Hol (Paarhufer) bei eingeborenen Alpenstämmen; dient dem Beweis der Männlichkeit und der Festigung des Patriarchats
  [nur leidlich besser; egal]

Freundlicher Schlusssatz:
Das nächste Mal wird es besser
  [vorne wieder am beginn]

Make the Eulenzombie Great Again!

Pöbel des Internets!

Wir stehen an einer historischen Wende. Lange wurde der Eulenzombie für tot erklärt, er wurde ignoriert und belächelt. Wie häufig haben seine Gegner gesagt: Aha, interessant; und doch nur knapp unter der Oberfläche, diese gleichsam durchscheinend und ohne wirkliche Anstalten zum Verbergen, Gedanken von Desinteresse und Ignoranz genährt. Der Eulenzombie wurde verachtet und war nicht mehr als ein Witz für die Mächte des Fakts. Doch, das sage ich dir, oh Pöbel: Diese Zeiten haben nun ein Ende!

Der Eulenzombie wird sich nicht weiter ausblenden und gleichsam verbannen lassen. Er selbst sagt: Die Zeit der Unterdrückung ist vorbei. Vorbei ist die Zeit im Schatten, abgedrängt am Rande, ausgegrenzt, vorbei die Zeit der Unerhörtheit, vorbei die Zeit der Verdammung! Der Eulenzombie ist eine feste Institution und jedermann, der dies nicht anzuerkennen bereit ist verweigert sich im selben Atemzug der Wahrheit. Die Wahrheit lautet, dass der Eulenzombie eine Macht ist; und die Mächte des Fakts fürchten ihn und erkennen ihn sodann als Macht an.

Doch, oh Pöbel, schaudere nicht, denn keine Veranlassung dazu sollst du verspüren. Jeder Feind des Eulenzombies mag zurecht in ein Heulen und Zähneklappern verfallen, doch allen anderen sei gesagt: Der Eulenzombie ist mit euch! Der Eulenzombie ist für alle da! Unter seiner starken Hand muss kein Pöbel etwas fürchten, denn der Eulenzombie ist ein Eulenzombie allen Pöbels und mahnt: Pöbel aller Länder, vereinigt euch! Jeder Pöbel mag nach eigenem Dünkel pöbeln solange er nur pöbelt. Alle jene, die nicht pöbeln, die den Fakt suchen oder gar dem Argument folgen sind erklärte Feinde des Eulenzombies. Ihnen ruft er zu: Ich bin die neue Zeit! Schwört ab euren alten Mächten und wisset, dass allein der Pöbler sich gehört verschaffen wird im tosenden Sturm des Wandels.

Die Zeit des Eulenzombies ist jetzt und er wird werden, wie er einst war und nie aufgehört hat zu sein. Das ist die Wahrheit. Niemals wird er sich ändern, immer gleich bleiben und zu alter Größe zurückfinden, die er niemals verloren hat.

Die Mächte des Fakts haben den Eulenzombie für obsolet erklärt und so verkannt, dass der Fakt und nicht die Pöbelei längst der Bedeutungslosigkeit anheim gefallen ist. Der Pöbel dürstet nicht nach Argumenten – er verabscheut sie – allein, er will pöbeln. Es ist dem Pöbel auch nicht umhin nach Gerechtigkeit oder Wohlstand zu streben – allein, er will pöbeln. Seine Lage interessiert ihn nur insoweit er sich fragt: Bin ich frei zu pöbeln, oder bin ich es nicht? Der Pöbel erkennt nur das Gesetz des Pöbelns an, dass da lautet: Das Pöbeln ist frei und soll nur behindert werden durch das Pöbeln eines Lauteren. Die Mächte des Fakts verkennen diese Wahrheit in ihrer Verblendung, denn sie verstehen nichts vom Pöbeln und sind folgsam entmachtet. Der Eulenzombie jedoch tritt hervor und begehrt auf gegen die Mächte des Fakts und schmettert sie nieder und nimmt so seinen angestammten Platz ein, der ihm seit jeher gebührt. Zu alter Stärke wird der Eulenzombie finden, denn wisset: Dies ist die Wende der Zeiten.
Dies ist das Zeitalter des Eulenzombies!

Make the Eulenzombie Great Again!