Widerstände

Ein Märchen

Sie stürzten ab, froh dass es niemanden gab, der sie rettete, denn sie bedurften keiner Rettung, nur der Schwerelosigkeit im Fall und des Lebens im Aufschlag.

—Aus einem Notizbuch

Eines Abends …

Null Uhr. Zeit ins Bett zu gehen, wenn ich morgen ausgeschlafen sein möchte. Schon in diesem Moment weiß ich nicht mehr, was ich die letzten Stunden getan habe. Irgendetwas im Internet. Vermutlich. Was ich eigentlich hätte tun sollen drängt mit Macht zurück in mein Bewusstsein, die Sedierung endet. Verlorene Zeit, so viel verlorene Zeit. Schwindel überkommt mich, meine Kehle schnürt sich zu. Jetzt noch mit der Arbeit anzufangen, wäre vergebens, viel zu spät. Morgen muss ich fit sein. Fit und ausgeschlafen. Um einen weiteren Tag zu Grabe zu tragen. Prokrastination ist anstrengend.

Prokrastination. Was ist das? Zuallererst einmal ein Aufschieben, das Drücken vor einer unliebsamen Aufgabe. Man prokrastiniert, wenn man etwas macht aber eigentlich etwas ganz anderes machen sollte. Wenn man beispielsweise die Wohnung putzt, statt sich endlich an die Hausarbeit zu setzen. Natürlich, die Wohnung sieht aus wie Sau, das dreckige Geschirr stapelt sich in der Spüle, die Wollmäuse huschen bei jedem Luftzug über den Boden, aber dennoch. Man hast diesen Zustand über die letzten Wochen ausgehalten, mit nur den nötigsten Putzarbeiten dann und wann, warum also gerade jetzt die Grundreinigung? Weil es keine andere Aufgabe mehr zu erledigen gibt als diese Hausarbeit zu schreiben. Oder für diese Klausur zu lernen. Oder Ordnung in das absolute Chaos zu bringen, dass in der Wohnung herrscht. Prokrastination ist in gewisser Weise eine Metahandlung, eine Handlung zweiter Ordnung. Wenn ich aufräume kann das Prokrastination sein, muss es aber nicht. Das hängt davon ab, ob durch das Aufräumen eigentlich nur eine dringendere und unliebsamere Aufgabe aufgeschoben wird.

Aber warum der Begriff Prokrastination, wenn doch auch aufschieben oder sich vor etwas drücken scheinbar das gleiche Phänomen beschreiben? Diese beiden Alternativen decken sich nicht mit der Prokrastination. Drückt man sich vor etwas, dann hofft man, dass es vorüberzieht. Man kauert so lange in seinem Versteck, bis die Gefahr gebannt ist. Man entgeht und kommt davon. Das Prokrastinieren ist aber nur ein Aufschub. Man drückt sich in diesem einen Moment, aber auf lange Sicht gibt es kein Entkommen. Vergleicht man hingegen die Prokrastination mit dem Aufschieben, dann fehlt bei letzterem die negative Konnotation, die vom Aufschiebenden selbst ausgeht. Den Aufschub erduldet man. Man ist gezwungen etwas aufzuschieben, da sich etwas anderes aufdrängt. Die Hausarbeit schiebt man auf, weil sich spontan Besuch für den Abend angekündigt hat und deshalb die Wohnung geputzt werden muss. Die Prokrastination aber ist eine Mischung aus sich drücken und aufschieben. Man entgeht für den Moment der unliebsamen Aufgabe durch eine Ablenkung, letztendlich muss man sich ihr aber doch stellen.

Der Grund für die Prokrastination liegt im Widerstand, den man gegenüber der anstehenden Aufgabe spürt. Dieser Widerstand begründet sich in der Regel in einer Angst, Unsicherheit oder Überforderung. Prokrastiniert man, fühlt man sich schlecht. Man mag sich für einen Moment über die saubere Wohnung freuen, doch im nächsten Moment kommt die Einsicht, dass man eben nicht an der Hausarbeit geschrieben hat. Das gute Gefühl, dass durch die prokrastinierende Handlung ausgelöst wird, wird sofort wieder durch das Schuldbewusstsein sich vor etwas Wichtigerem gedrückt zu haben ausgelöscht. Doch das elende Gefühl, das die Prokrastination verursacht reicht nicht aus, um den Widerstand zu überwinden, der sie überhaupt erst auslöst.

Der Widerstand richtet sich gegen die aufgeschobene Aufgabe, gegen das Zwingende. Das Zwingende drängt sich auf, erscheint unheilvoll am Horizont, drängt zum Handeln. Es übt Gewalt, lässt all jene leiden, die sich ihm widersetzen, lässt sie leiden in Versagensängsten, in Gefühlen der Hilflosigkeit und des Scheiterns, im schlechten Gewissen. Die Gründe der Prokrastination, Angst, Unsicherheit, Überforderung, sind die Folterinstrumente des Zwingenden. Durch den Widerstand schadet man in erster Linie sich selbst. Die Ergebnisse, die man am Ende produziert, sind häufig suboptimal, man scheint den Ansprüchen, die an einen gestellt werden, nicht gerecht zu werden. Die Prokrastination, obwohl sie sich im Privaten abspielt, ist immer auch gesellschaftlich. Sie rückt einen in die gesellschaftliche Position des Versagenden, des hakenden Rädchens im System.

Eine der obersten Doktrinen der gegenwärtigen Gesellschaft ist die der Selbstoptimierung. Die Position, die man im Leben einnimmt, sei, so ist die allgemeine Auffassung, in erster Linie selbstbestimmt. Das Individuum hat sich als eigenverantwortliches Subjekt erkannt und handelt entsprechend; die Geschichte des eigenen Glückes Schmied. Die durch diese Emanzipation aufgelösten Gewissheiten sind durch ein Streben zum Besseren ersetzt worden. Wurde die Position im Leben, sowohl geographisch wie auch gesellschaftlich, von der Position der Eltern geprägt, so fällt diese Gewissheit heute weg. Man muss sein Leben nicht im Kuhdorf der Kindheit fristen und nur weil die Eltern im Handwerk tätig waren, kann man dennoch eine akademische Laufbahn anstreben. Stattdessen sucht man den besseren Job, die bessere Stadt. Was besser ist, ist nebulös und natürlich wieder von der Gesellschaft geprägt und die verlangt direkt wieder eine Rechenschaft über die Entscheidung. Saarbrücken? Warum nicht Frankfurt, Köln, Hamburg oder — Engelschöre — Berlin? Aus der gewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung ist der gesellschaftliche Anspruch, diese optimal zu nutzen, erwachsen.

Das Streben nach dem Besserem ist ein Heilsversprechen, das Orientierung bietet zwischen scheinbar unendlichen Möglichkeiten, aber nicht erst am Ende mit dem Glück winkt. Nach der christlichen Lehre, musste man sein ganzes Leben erdulden, nach strengen Regeln leben, damit nach dem Tod Einlass ins Paradies gewährt wurde. Wohl demjenigen, den schon im unschuldigen Kindesalter das Zeitliche gesegnet hat. Heute ist das Paradies schon zu Lebzeiten erreichbar, doch die Strenge der Regeln, die über den Einlass wachen, ist nach wie vor hart. Man muss durch den eigenen trainierten Körper die Follower auf Instagram beeindrucken, man muss die eigene, genau regulierte Ernährung genießen können, man muss auf Facebook eine Freundeszahl im vierstelligen Bereich aufweisen können, man muss eine kleine Zahl von echten Freunden haben, um den Rest
ignorieren zu können, man muss sich losgesagt haben, von den Ketten der sozialen Netzwerke, man muss den eigenen Job lieben, man muss sich eine Auszeit nehmen können, man muss im Urlaub Orte ohne all die bescheuerten Touristen besuchen und diese ganz spezielle Erfahrung machen, man muss die perfekte Work-Life-Balance finden; das Leben muss einfach geil sein. In jeder Minute. Aber ohne Anstrengung, sondern einfach gechillt. Es zeigt sich schon, dass die Erfüllung dieser Ansprüche mit der Darstellung dieser Erfüllung einhergeht. In den sozialen Netzwerken präsentiert jeder sein eigenes perfektes Leben. Man versichert sich selbst, indem man sich durch andere betrachten lässt und nach deren Bestätigung verlangt. Kommunikation mit Interesse an einem Austausch ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein Zurückziehen auf sich selbst, durch das die Mitmenschen zu Bestätigern und Vergleichsobjekten degradiert werden. Eine Fassade wird aufgebaut, die auch der Verdrängung dient, der Verdrängung von Tod und Verfall, von den eigenen Unzulänglichkeiten. Das Heilsversprechen umfasst, nicht eines Tages dement im Altersheim vor sich hinzusiechen, sondern auch mit Neunzig noch zu bouldern. Das sich das alles auch kapitalistisch wunderbar ausbeuten lässt liegt auf der
Hand. Produktive Arbeiter, die ihr Leben lang gesund und fröhlich ihren Job antreten und das verdiente Geld in ihre aufwendige Persönlichkeit investieren, bedeuten niedrige Kosten und hohe Profite. Die Selbstdarstellung entsolidarisiert die Arbeiter untereinander, lässt sie gegeneinander ausspielen und lässt sie größere Opfer vollbringen. Das Scheitern im Job bedeutet das persönliche Scheitern, einen intolerablen Makel im Selbstbild, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Pokrastiniert man, dann trägt man diesen Makel bereits in sich. Das Zwingende transportiert all die gesellschaftlichen Anforderungen und widersetzt man sich ihm, widersetzt man sich auch der Gesellschaft, die es hervorgebracht hat. Prokrastiniert man, so ist dies keine geile und auch keine produktive Zeit (produktive Prokrastination ist ein Irrglauben). Sie ist verschwendet und man fühlt sich elend, währenddessen und danach. Man sammelt keine aufregenden Erfahrungen, man arbeitet nicht an sich selbst, man leistet nicht mal aktiv Widerstand, sondern wird von einem Teil der eigenen Psyche dazu gezwungen, den man nicht kontrollieren kann. Das Leiden ist auch nicht das eines Märtyrers, dem das Paradies winkt, denn die Prokrastination verwehrt gerade den Einlass in eben jenes. Sie überwältigt und konfrontiert mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit Verfall und Tod. Die Prokrastination lässt die Selbstoptimierung scheitern und entbindet damit von deren Joch. Sie reißt ein Loch in die Fassade der Selbstdarstellung, durch die eine Kommunikation wieder möglich wird, im gegenseitigen Austauschen des Leids. Sie lässt uns unserer überdrüssig werden und wieder nach außen richten. Ich klage auf Facebook mein Leid. Alle Welt soll wissen, welche Qualen icherdulde, wie ich in der Prokrastination versinke. Es dauert nicht lange, dann kommen die Likes, die Beileidsbekundungen. Unzählige Prokrastinationsgeschichten werden gepostet und aber keine, das merke ich schnell, ist so deprimierend wie meine. Mit gutem Gefühl lege ich mich schlafen.

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