Von der Leichtigkeit des Euphemismus

Dir, Pöbel des Internets,

sei hier eine kleine Geschichte zur Erbauung gegeben. Der Sommer ist da, der Urlaub gebucht oder gar schon angetreten und man kann es kaum erwarten die Leichtigkeit ferner Strände zu erleben und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Nun denn, hier ist ein Text, dessen Sujet zumindest dieser Einleitung entspricht, auch wenn sein Kern wahrhaft zynisches erahnen lässt.

Der Moment der Schwerelosigkeit

Es war genau um 11:03, als im Strandabschnitt des Hotel de la Mer plötzlich die Schwerkraft aussetzte. Die Urlauber, die sich zur besagten Zeit am besagten Ort aufhielten, spürten zunächst eine ungeahnte Leichtigkeit, die schnell eine Euphorie auslöste. Diejenigen, die über den Strand schlenderten, fanden sich nach einem Schritt plötzlich in die Luft gehoben und ruderten mit den Armen, wie um ihr Gleichgewicht zu halten, um nicht zu fallen. Doch gab es kein Gewicht mehr und Fallen war ihnen gar nicht möglich. Vielmehr trieben sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach oben, dem blauen Himmel entgegen.

Diejenigen, die auf ihren Handtüchern im Sand oder in den zahlreichen Liegen lagen, reagierten häufig mit einem kurzen Schreck, begleitet vom typischen Zucken, das sie ebenfalls ihres Lagers enthob und in die Lüfte beförderte. Versuche sich an die Liege oder das Handtuch zu klammern, um so den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren, scheiterten daran, dass auch Liegen und Handtücher nicht mehr den Gesetzen der Schwerkraft gehorchten und ebenfalls himmelwärts strebten.

Ein kleines Mädchen, das gerade eine Sandburg baute stieß einen Schrei aus, als es durch das Festklopfen der Mauer von seinem Vormittagswerk getrennt wurde. Tatsächlich waren viele Schreie zu hören, ausgestoßen aus Verwunderung und Aufregung und Freude, ob dieser seltsamen Schwerelosigkeit.

Ein großer Teil des Strandes trieb in der Luft; junge und alte Leute in Badeanzügen, Bikinis und Badehosen. Ein junges Paar, ihre Haut war noch ganz weiß, waren sie doch gestern erst angekommen und hatten noch keine Zeit zum Sonnen gehabt, hielt sich bei den Händen, um nicht voneinander getrennt zu werden. Auch sie hatten große Augen und offene Münder und stießen Laute der Verzückung aus. Zwischen ihnen und den anderen Badegästen schwebten Handtücher, Liegestühle, Flip-Flops, Taschen und und auch ein wenig vom hellen Strandsand.

Michel befand sich in der Mitte dieser leicht gewordenen Gesellschaft. Unbemerkt von den anderen, die viel zu sehr damit beschäftigt waren ihr neues Gefühl der Freiheit zu kosten, lag er schwer in seiner Liege und beobachtete das Treiben um ihn herum. Der Sonnenschirm, der ihm gerade noch Schatten gespendet hatte, wurde von einer Frau mit Dauerwelle ergriffen und fortgetragen. In Michels Schoß lag ein halb zerfleddertes Buch. Seine linke Hand klammerte sich fest um die Lehne der Liege und ließ die Knöchel weiß hervortreten. Seine rechte Hand steckte in seiner großen Sporttasche. Er freute sich über die Euphorie der anderen, auch wenn er dieses Gefühl niemals würde teilen können. Er fühlte sich wie ein Fels. Ein frösteln überkam ihn, als ein Fettwanst vorbeischwebte und ihn in Schatten tauchte. Es war Zeit. Er nahm die Hand aus der Sporttasche und behutsam wurden die Urlauber wieder auf den Strand gesetzt.

Viele blieben im Sand liegen, als die Schwerkraft sich ihrer wieder bemächtigt hatte. Sie waren erschöpft und die wenigen, die nicht liegen blieben wankten auf wackeligen Beinen umher. Das Pärchen, das gestern erst angekommen war, ruhte reglos, ineinander verschlugen. Die Wellen, die ihre Körper umspielten kühlten ihre Gemüter. Das kleine Mädchen mit der Sandburg hatte von der Aufregung Nasenbluten bekommen. Die meisten waren müde und still, nur vereinzelt wurde noch ein glückseliges Jauchzen ausgestoßen.

Michel spürte nur die unendliche Schwere, die ihn hinabzog, in die Erde, und blickte ein letztes Mal auf den unerreichbaren Himmel, bevor er die Augen schloss.