Das Weiße Buch

Thus literature (it would be better, henceforth, to say writing), by refusing to assign to the text (and to the world as text) a „secret:“ that is, an ultimate meaning, liberates an activity which we might call counter-theological, properly revolutionary, for to refuse to arrest meaning is finally to refuse God and his hypostases, reason, science, the law.

— Roland Barthes, The Death of the Author

Was weiß ich über das Weiße Buch? Das Weiße Buch ist ein Gegenstand, über den man nichts weiß. Es ist ein Buch; das zumindest ist der allgemeine Konsens. Doch Umfang, Autor, Erscheinungsjahr, Genre, Gattung, Art der Bindung, Sprache und sämtliche weitere Eigenschaften sind unbekannt. Manche bezeichnen es als den sinnlosesten aller Gegenstände, da es sich aufgrund seiner Undefiniertheit niemals mit irgendeiner Art von Sinn füllen lässt. Manche lehnen seine Existenz aus diesen Gründen schlichtweg ab. Der Leser mag sich zum Schluss selbst eine Meinung darüber bilden, doch lasst mich zunächst von vorn beginnen.

Das erste Mal begegnete ich dem Weißen Buch vor etwa einem Jahr, als ich eines Abends in den Weiten des Internets prokrastinierte. Dies geschah häufiger zu jener Zeit. Meine Freunde verließen nach dem Studium die Stadt, begannen zu arbeiten oder begannen ihren Master an einer anderen Universität. Sie brachen auf und ich blieb allein zurück (und flüchtete mich darüber in der folgenden Zeit in meine Bücher und das Internet).

Gefangen im undurchschaubaren Netz aus Links geriet ich an jenem Abend auf einen obskuren Blog. Dessen Texte riefen, aufgrund des harten Zusammenpralls von Können und Ambition, ein unangenehmes Gefühl zwischen Mitleid und Fremdscham hervor, und einer dieser Texte handelte von der Entdeckung des Weißen Buches. Die Geschichte kann ich leider nicht mehr rekonstruieren. Wegen des Umzugs, der noch dazu bei heißestem Sommerwetter stattgefunden hatte, war ich müde und schenkte meiner Lektüre keine große Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurde ich erst später wieder an den Text erinnert, als ich Luise kennenlernte und so dem Weißen Buch ein zweites Mal begegnete. Interesse, so viel weiß ich noch, weckte der Text in mir durch das Nichts, das aus dem Buch in die Welt des Erzählers einzudringen schien und diese so schließlich auflöste.

Doch, wie gesagt, vergaß ich den Text wieder, bis ich einige Wochen später, der Sommer hatte sich in einen trüben Herbst verwandelt, ein Plakat in der Stadt sah. Es hing geduckt zwischen Graffitis an einer grauen Wand und warb mit dem Spruch „Geschichten aus Tlön“. Die Referenz auf Borges entging mir nicht, vor allem, da ich seine Werke zu jener Zeit zum wiederholten Male las. Doch wer sonst würde die Anspielung auf ein imaginäres Land aus einer Kurzgeschichte eines bald dreißig Jahre verstorbenen, argentinischen Schriftsteller verstehen? Allein zur Klärung dieser Frage entschied ich mich zur Lesung zu gehen, die durch das Plakat beworben wurde und noch am selben Abend stattfand.

Tatsächlich war die Anzahl an Besuchern, die es sich in den Kinosesseln und Sitzkissen des kleinen Theatersaals gemütlich gemacht hatte, sehr überschaubar. Der Raum lag im Halbdunkel, allein erleuchtet von den, auf die Bühne gerichteten, Scheinwerfern, die eine wohlige Wärme von sich gaben. Schon während des ersten Beitrags dämmerte ich in eine wirre Traumwelt hinüber, in die die gelesenen Worte wie groteske Kreaturen eindrangen, um Chaos und Unheil zu stiften. Ich kann daher leider kein Zeugnis darüber ablegen, wie sehr die vorgetragenen Texte sich mit Borges und dessen Werk beschäftigten. Erst zur letzten Leserin erwachte ich wieder aus meinem Halbschlaf. Sie wurde als Luise Sorgebjorg vorgestellt und anstatt von Tlön zu lesen, las sie einen Text über die Erfindung des Weißen Buches.

Der Text handelte von Sebastian, einem Studenten, der eines Abends, in geselliger Runde mit ein paar Freunden, eine Epiphanie hatte. Sie saßen in der Flurküche ihres Wohnheims als er die Eingebung bekam, ein Buch, das sie nicht kannten fortan in einen Schrein zu sperren und als Reliquie zu verehren. Die Küche des Flures besaß ein kleines Bücherregal, in dem sich allerlei Groschenromane, antike Kochbücher und eine koreanische Bibel befanden. Durch ein komplexes Verfahren, wählten sie eines, aber ohne genau zu wissen welches, der Bücher aus und plazierten es in einem alten Karton, der als Reliquiar diente.

Nach ein paar Tagen des infantilen Spaßes wurden sie der Anbetung überdrüssig und Sebastian überlegte, wie sie weiter mit dem Buch verfahren sollten. Er verfasste eine erste Abhandlung über das unbekannte Buch, in der er über dessen Inhalt spekulierte. Die anderen schlossen sich dem rasch an und es entstand eine Reihe von Texten, die sich alle dem Buch auf die ein oder andere Weise näherten. Sie bildeten eine Geheimgesellschaft, um die Texte über das Buch zu mehren, von der sie jedem, der es hören wollte, freimütig erzählten. So entstand das Weiße Buch.

Da sie nicht wussten, welches Buch genau Gegenstand ihrer Überlegungen war, wurden die Texte immer freier und ungezwungener. Am radikalsten war Sebastian, der jede Form hinter sich ließ. Für ihn ging die sprachliche Freiheit einher mit der geistigen Freiheit. Jede schriftstellerische Konvention die er brach, wurde von einem Bruch in den Konventionen des Denkens begleitet. Seine Texte wurden, so wie er selbst, immer erratischer. Jegliche Referenzpunkte schienen sich aufzulösen bis er sich schließlich selbst auflöste.

Alle waren erstaunt über das Verschwinden Sebastians, auch wenn sie in rückblickender Betrachtung sich einig waren, dass es vorhersehbar gewesen sei. Er hinterließ nichts als einen riesigen Wust größenteils unverständlicher Texte, die dennoch in jeder Hinsicht als revolutionär zu bezeichnen waren.

Nach dem Verschwinden Sebastians entwickelte sich ein Kult um seine Person. Er habe das Weiße Buch verstanden wie kein zweiter und daher gelte es, ihm und seinen Texten nachzueifern, verkündeten seine Anhänger. Sie erhoben Sebastians Texte zu einem Kanon und schrieben neue Texte über sie. Gegen diese, die eine herausragende Stellung Sebastians unter den Anhängern des Weißen Buches befürworteten, stellten sich jene, die eine Besinnung auf das Buch an sich forderten. Schließlich zerstreuten sich alle über das Land und Luises Text endete.

Es war eine absurde Geschichte, eine glänzende Parodie auf Religionen, die mich faszinierte. Nach dem Ende der Lesung suchte ich Luise auf, beglückwünschte sie zu ihrem Text und fragte, woher sie denn ihre Idee genommen hätte. Sie zeigte sich kurz angebunden und erklärte, es sei alles wahr. Es war klar, dass ich keine ernsthafte Antwort erhalten würde und ich schalt mich, ob meiner unbeholfenen Frage. War nicht die Frage nach dem Ursprung eines Textes die nichtigste, offenbarte sie doch den erbärmlichen Versuch, die Komplexität eines Textes auf einen banalen Kern zu reduzieren? Ohne Mut für ein weiteres Gespräch zog ich von dannen.

Am selben Abend suchte ich im Internet nach weiteren Texten von Luise Sorgebjorg. Ich fand sie auf den unterschiedlichsten Websites in großer thematischer und noch größerer stilistischer Bandbreite. Mir war schleierhaft wie eine Person das alles hatte schreiben können. In den nächsten Wochen und Monaten las ich immer wieder Texte unter ihrem Namen und gelangte allmählich zu der Erkenntnis, dass sich hinter dem Namen nicht nur die Frau verbarg, die ich bei der Lesung gesehen hatte, sondern ein ganzes Kollektiv.

Mir bot sich die Gelegenheit meine These zu überprüfen, als ich den Namen Luise Sorgebjorg ein zweites Mal in einer Ankündigung las. Eine Kneipe um die Ecke, die erst vor einem halben Jahr eröffnet hatte, und die mir schon durch die regelmäßigen Jazzsessions bekannt war, lud zu einer poetischen Lesung und Luise war unter den Teilnehmern aufgelistet. Am Abend der Lesung war die Kneipe recht gut besucht, sowohl von Stammgästen — soweit man bei einer so jungen Kneipe davon schon sprechen konnte — als auch von Gästen, die wegen der Lesung gekommen waren. Ich setzte mich an den Tresen, Alex die Barkeeperin reichte mir mit knapper Begrüßung mein Bier und dann wartete ich darauf, dass die Lesung beginnen würde.

Die dargebotenen Texte waren mittelmäßig bis gut und häufig vom üblichen Slammergestus geprägt. Gespannt wartete ich auf den Beitrag Luises, der, endlich an der Reihe, von einer Gruppe revoltierender Wäscheständer handelte, die sich gegen die Menschheit erhoben. Es war kompletter Nonsens, aber äußerst lustig und unterhaltsam. Nach dem Ende der Lesung wurde es noch ein feucht-fröhlicher Abend. Gäste und Lesende tranken zusammen und ich erhielt die Gelegenheit nochmals mit Luise zu sprechen. Sie schien sich nicht an mich zu erinnern und nach kurzem Smalltalk sprach ich sie auf das Weiße Buch an. Zunächst wollte sie nicht darüber sprechen, nannte es eine alberne Angelegenheit, doch auf mein Bitten begann sie schließlich zu erzählen. Luise Sorgebjorg ist in der Tat ein Pseudonym, unter dem mehrere Personen schreiben, die sich alle der Idee des Weißen Buches verschrieben haben. Das Weiße Buch war, so erklärte sie mir, von einer Gruppe Studenten in den frühen Siebzigern ersonnen worden, die dem poststrukturalistischen Geist ihrer Zeit folgten. Zunächst als Spaß erdacht, begannen die Studenten bald es zur Grundlage einer Dekonstruktion der Wirklichkeit zu nutzen. Sie suchten Gleichgesinnte, besetzen wichtige Posten in politischen und medialen Einrichtungen und schrieben Texte auf der Grundlage des Buches. Luise erklärte mir, dass es heutzutage kaum einen politischen Text, einen Gesetzentwurf, ein Parteiprogramm, einen Richterspruch, einen wissenschaftlichen Aufsatz, ja sogar wenige journalistische Texte gäbe, die nicht vom Weißen Buch zumindest beeinflusst seien. Der Gedanke schockierte mich. All die Texte, auf denen unsere Gesellschaft fußte, sollen auf nichts anderem aufbauen, als den Vermutungen über ein Buch, dessen Existenz nicht einmal gesichert ist. An jenem Abend ging ich mit schwerem Kopf — vom Bier, wie auch von den Enthüllungen Luises — nach Hause.

Am nächsten Morgen und auch an den nachfolgenden Tagen und Wochen bis heute lassen die Gedanken an das Weiße Buch mich nicht mehr los. Zunächst war ich bestürzt über die Möglichkeit, dass alles, was ich bisher für wahr erachtet hatte, allein den Hirngespinsten irgendeines Schreiberlings entsprungen sein könnte. Luise hatte mir Namen und andere Hinweise gegeben, die auf das Weiße Buch hindeuteten. Als ich begann zu recherchieren, übertrafen die Ergebnisse alle Befürchtungen. Das Weiße Buch ist überall. Ich las Texte und entdeckte seine Spuren und die Texte verloren jeglichen Sinn in meinen Augen. Ich saß apathisch zu Hause, verbarg mich in meinen Büchern (die, die vor den Siebzigern geschrieben wurden) und mied das Internet. Natürlich konnte nicht annähernd ein Großteil des Netzes von Wissenden um das Weiße Buch kontrolliert werden. Doch wie viele der Ideen aus diesem weißen Nichts hatten ihren Weg gefunden in die Köpfe der Menschen, gruben sich durch die Hirnwindungen wie Würmer? Es gab kein Entkommen.

Nach langer Zeit, die mir heute vorkommt wie ein Alptraum, gelangte ich zu der Einsicht, dass es auch gar kein Entkommen brauchte. Ich begann das Weiße Buch als Geschenk zu begreifen, als Geschenk, dass mich von der Autorität der Texte befreite. Anstelle der unerträglichen Leere traten unendliche Möglichkeiten. Das Weiße Buch hebt jeden Zwang der Deutung, jede Vorgabe der Interpretation. So wie das weiße Licht alle Farben enthält, enthält das Weiße Buch alle Texte. Das Weiße Buch ist nicht das Nichts. Es ist alles.

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Eine Antwort zu Das Weiße Buch

  1. wurst&zimt schreibt:

    Vielen Dank! Nachdem ich bereits seit einem Jahrzehnt nach dem berüchtigten Sandbuch suche, werde ich wohl ab sofort auch noch nach dem Weißen Buch Ausschau halten müssen.

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