Lyrische Fragmente eines Bahnreisenden

Dir, Pöbel des Internets!

Ich denke es ist an der Zeit, dass ich mich bekenne; mich bekenne zur Bahn, zur Zugfahrt, zum gemächlichen Dahingleiten durch die Landschaft auf Schienen. Ich fahre nicht ungern Bahn, auch wenn ich das Unternehmen mit gleichem Namen für durchaus kritikwürdig erachte. Leider jedoch kommt man um Die Bahn nicht herum, möchte man mit der Bahn fahren. Um nun den nicht ganz preiswerten Genuß des Reisens auf stählernen Rädern vollends auszukosten wählt der Kenner natürlich den Nahverkehr um mit gleichnamigem Ticket tatsächlich den ganzen Tag quer durchs Land zu fahren. Soviele Personen kommen und gehen, so viele Panoramen ziehen am Fenster vorbei, dass natürlich der Kuss der Poesie auf solch einer Reise unausweichlich ist. So sind auch die folgenden Texte entstanden.

Das Suppenhuhn

Das Huhn kochte im eigenen Sud
Es ließ sich gehen, schwitzte in der Hitze
Völlig nackt und ohne Federn oder Haut

Das Huhn es war nur blankes Fleisch
Sorgsam entkleidet von des Bauers Hand
Die es zuvor genährt und großgezogen

Das Huhn ließ sich gehen in
Der kochenden feuchten Hitze
Und der Bauer verschlang gierig sein junges Fleisch

 

Hier ist noch kein Frühling hingelangt

schienen schlängeln sich von ort zu ort

vorbei an häusern aus dem letzten jahrtausend bewohnt von menschen

vorbei an großen hallen aus rotem backstein, die zerschlagenen fenster erlauben einen blick in das innere, leere, rostige metallstreben ragen aus den mauern heraus, noch immer ihre exakte deutsche geometrie beibehaltend, ein vergilbtes banner an der außenwand kann keiner mehr lesen

vorbei am toten holz des winters, verdorrtem gestrüpp, gelbem gras gespickt mit alten dosen, tüten, papier, nadeln, dreck, unrat, müll uns hin und wieder eine halb verfallene mauer, eine verlassene hütte übersät mit graffitis die auch schon blaß und abgeblättert sind, ein autowrack völlig ausgenommen, eine leere hülle

vorbei an großen lettern, auch verblasst, an einem gebäude, rostige rohre gehen hinein und hinaus, ein abgezäuntes areal aber eher zum schutz der neugierigen denen hier der boden unter den füßen wegbrechen könnte

vorbei an einer sauber geputzten madonna in einem strahlend weißen heimzwischen akkurat gemachten gärten

hier ist noch kein frühling hingelangt

 

Der Südwestexpress

Der weiße Phallus fährt am Bahnhof ein
Ein Schwall von Menschen ergießt sich aus ihm bevor man selbst einsteigt
Das Interieur ist modern in weiß und schwarz gehalten
Die Polster hart und werden geziert von modischen Rautenmustern
Die Kopfstützen schwarzes Lederimitat
Armstützen und die obligatorischen aufklappbaren Abstellflächen sind in dunklem Plastikholz gehalten
Die Türbereiche brechen mit dem Schema und leuchten in blauem BlauGroße Überraschung: Die Türen piepen unterschiedlich beim Öffnen und Schließen
Der Gesamteindruck: Hier sitzt man in der Zukunft
Die alte Ranzigkeit der Regionalexpresse wurde zurückgelassen und macht einer modernen Funktionalität und Kälte platz
Dieser Phallus verrichtet seine Arbeit mit präziser Efizienz
Für Spaßan der Sache gibt es hier keinen Platz mehr

Macht das dem Zug zu schaffen?
Vielleicht
Zumindest sind die ganze Zeit Geräusche zu hören die einem schwer Atmenden Röchelnden zuweilen auch Ertrinkenden nicht unähnlich sind

2 Gedanken zu „Lyrische Fragmente eines Bahnreisenden

  1. Seltsam, dass mich WordPress nicht direkt auf diese unerhörte Unterbrechung in dieser Reihe einsamer Konsistenzartikel hingewiesen hat. Der Zug als Phallus hat doch eine gewisse Größe, das gefällt. Dieses Suppenhuhn scheint ja noch aus dem gleichen Jahrtausend zu stammen wie die von Menschen bewohnten Häuser, so unmodern wird es verarbeitet. Auch die Orthographie ist kreativ und poetisch.

    • Ja, ich habe es mir mal wieder erlaubt einen Artikel zu veröffentlichen und die Konsistenz zu stören. Alle drei Texte sind überigens entstanden bevor eben jener weiße Phallus in dem ich saß das schöne Saarland verlassen hat. Im Zug gab es allerdings keine Suppe, vielmehr stieg der Snackverkäufer erst in der Pfalz zu.

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