Konsistent Präsent

Zwei Anmerkungen vorweg:

  1. Da ich vergaß, es im letzten Artikel zu erwähnen (und wo wir gerade bei Zeit sind): Durch Halten des Mauszeigers über dem Datum der Veröffentlichung eines Blogposts wird die genaue Uhrzeit der Veröffentlichung angezeigt. Dies kann bei einigen Konsistenzartikeln interessant sein (wie in einem der Tags zu „TIEFGANG“ erwähnt wird).
  2. Vielen Dank an Ailt für einen spontanen Betatest.

 

Als du den ersten Satz dieses Textes liest, wird dir sofort klar, worum es in diesem Text wohl geht, und du erkennst, dass das momentane Thema der Konsistenzreihe „Zeit“ ist, spätestens, nachdem du es hier liest. Während du dich fragst, was wohl in dem „Zukunft“ Artikel stehen wird, der ja offensichtlich nach dem „Vergangenheits-“ und dem gerade nun von dir gelesenen „Gegenwartsartikel“ folgen wird, lenkt dieser Text deine Gedanken in eine andere Bahn: Warum nicht eine wunderbare rekursive selbst referenzierende Grammatik bauen? Noch während du diese rhetorische Frage mit einem Implizierten „Ja“ beantwortest, siehst du die Grammatik auch schon vor dir:

({A,liest,gerade,Du,",:},{liest,gerade,Du,",:}, P, A}, mit P 
definiert durch die Produktionsregel: A -> Du liest gerade: "A"

Jetzt denkst du an die sich bei einer Variante auf Englisch ergebende nette Zweideutigkeit:

({A,read,just,You,",:},{read,just,You,",:}, P, A},  
P defined as: A -> You just read: "A"

„Wie wunderbar/trivial/seltsam/unsinnig/otherpleasespecify“ denkst du, sofern du diese Grammatiken und ihre Notation verstehst, ansonsten, „Ich verstehe nicht was das ist/otherpleasespecify„. Obwohl/weil dir das „otherpleasespecify“ als fauler/genialer Trick erscheint, gefällt/missfällt dir dieser Text, zumal die Struktur zunehmend auffächert. Du beginnst darüber nachzudenken, ob es überhaupt möglich ist, die Gegenwart, die doch eigentlich ein Zeitpunkt ist, auf zu fächern, wie man es üblicherweise nur mit der Zukunft tut, schließlich ist im Baum der Zeit die Vergangenheit der Stamm (nur ein Strang) und die Zukunft das Geäst (da sie in vielerlei Richtungen verlaufen kann), doch was nun ist die Gegenwart? Gerade als du dich fragst, ob das nicht etwas zu philosophisch/trivial wird und was das ganze wohl mit Quantenphysik zu tun hat, werden deine Überlegungen dadurch unterbrochen, dass du nun manuell atmest und keine komfortable Position für deinen Zunge im Mund finden kannst, nun, wo du dir dessen bewusst wird. Im übrigen fällt dir wieder ein, dass deine Augen jederzeit ein Stück deiner Nase sehen, du dies aber ignorierst. Falls du eine Brille trägst, wirst du natürlich noch stärker genervt, jetzt, wo du das Gestell nicht mehr ignorierst. Als du gerade daran denkst, wie gemein der Autor dieses Textes doch ist, dich an diese Dinge zu erinnern, fällt dir ein, dass er dich immerhin nicht dazu gezwungen hat, an Kotze zu denken.

Du willst gerade verärgert aufhören zu lesen, als du bemerkst, dass der Text noch nicht zu Ende ist. Als Belohnung für dein Durchhaltevermögen klärt dich nun der Autor darüber auf, dass das was wir als „die Gegenwart“, wahrnehmen, in etwa immer 3 Sekunden beinhaltet. Obwohl/Weil du das schon/noch nicht wusstest, ist dir möglicherweise noch nicht in den Sinn gekommen, dass die Gegenwart damit einfach ein Stück aus der Vergangenheit (nämlich die letzten 3 Sekunden) ist, also nicht eigentlich der Übergang zur Zukunft, die also etwa alle drei Sekunden neu beginnt, zumindest, wenn man nach der menschlichen Wahrnehmung und der Interpretation des Autors geht. Aber selbstverständlich liegt für mich jetzt gerade deine Gegenwart (oder 3-Sekunden-Vergangenheit?) in der Zukunft, weshalb ich auffächere, um deine zukünftigen, also gerade gedachten, Gedanken präziser zu approximieren.

Doch natürlich ist es mir nicht wirklich möglich, deine Gedanken zu lesen (zumindest hoffst du das vermutlich gerade, nachdem das Konzept erwähnt wurde). Und doch, so fällt dir auf, kann ich einen gewissen Einfluss auf deine Gedanken nehmen, wie dir ja das Beispiel mit dem manuell Atmen nun erneut zeigt. Dies ist, möglicherweise nach einer initialen Befremdung, nicht weiter verwunderlich, denn schließlich reagieren deine Gedanken ja auch auf alle anderen Sinneseinflüsse. Und natürlich, so fällt dir ein, als du diesen Satz liest, ist Sprache im allgemeinen ja nur eine Form der kontrollierten Gedankenübertragung. Doch, so stellt der Autor fest, geschriebenes Wort wird zwar durch die Augen wahrgenommen, doch anders als gesprochene Sprache denkt man das gelesene mit. Und, sofern du mich, den Autor, nicht persönlich oder gar gut kennst und gerade mit diesem Text assoziierst, erscheinen die Worte in deinem Geist in derselben „Stimme“, in der du deine (expliziten) Gedanken formulierst. Selbst wenn du mich aber kennst und dies in meiner Stimme liest, so hörst du doch nicht mich sprechen, sondern dein internes Modell von mir. In jedem Fall aber ist die „Lesestimme“ in deinem Kopf. Da dir dies klar wird/ist, wundert es dich auch nicht (mehr), dass Lesen derart eindrucksvolle Gefühle auslösen kann. Nachdem du denn das Gedicht hinter dem zweiten Link in diesem Text gelesen hast, oder nachdem du es nachholst, da du hier liest, du solltest es schon gelesen haben, oder meinen impliziten Rat ignoriert hast, denkst du noch einmal über den alten Spruch nach: Die Feder ist mächtiger als das Schwert.

2 Gedanken zu „Konsistent Präsent

    • Das ist wohl wahr, was ich aber mit den Grammatiken beschreiben wollte ist leider nicht formal beschreibbar möglich. Im Grunde wollte ich die Konkatenation der Unendlichen Wörter (Du liest gerade:“)^ω und („)^ω ausdrücken, nur kann man unendliche Wörter nicht konkatenieren. Da Mathematik bzw. Theoretische Informatik mir nicht erlaubt, Unmögliches auszudrücken, ist also die Sprache der Automaten leer.
      Es sind natürlich zwei abgespeckte Versionen denkbar, zum einen die Version ohne die schließenden Anführungszeichen [die dann eine ω-reguläre Sprache wäre, passender Büchli-Automat: ({0},{Du liest gerade:“},{0, Du liest gerade:“, 0},{0},{0})], und zum anderen die Version mit beliebiger, aber nicht unendlicher Länge (wozu wir die existierende Grammatik durch Hinzufügen der Regel [A->Du liest gerade] modifizieren würden).
      Das ganze lässt sich natürlich auch analog auf den englischen Automaten anwenden.

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