Legitimation durch Passivität

Du sitzt im Haus
Das Fernsehn läuft
Kein Geld für Arme
Altbekannt

Du regst dich nicht
Siehst keinen Grund
Denn du hast ja
Den Tag malocht

Doch wenn du unter Leuten bist ist die Empörung groß
Doch es folgen keine Taten, nur „Das ist halt unser Los“

Du sitzt im Haus
Das Fernsehn läuft
Kinder töten
In Afrika

Kriege führen
Folterungen
Doch du bist still
Das ist weit weg

Doch wenn du unter Leuten bist ist die Empörung groß
Doch es folgen keine Taten, nur „Na da ist ja was los“

Du sitzt im Haus
Das Fernsehn läuft
Nazis laufen
Auf der Straße

Der braune Dreck
Verbreitet sich
Fernbedienung
Programmwechsel

Doch wenn du unter Leuten bist ist die Empörung groß
Doch es folgen keine Taten, nur „Wie werden wir die los?“

Legitimation durch Passivität
Die andern kümmern nicht
Zufriedenheit im Mittelmaß

Legitimation durch Passivität
Die andern kümmern nicht
Zufriedenheit im Mittelmaß

Du sitzt im Haus
Das Fernsehn läuft
Totalitäre
Machtstrukturen

Politische
Verfolgungen
Meinungsfreiheit
Abgeschafft

Das nächste Reich
Vor deiner Tür
Doch du sitzt nur
Vor dem Bildschirm

Legitimation durch Passivität
Die andern kümmern nicht
Zufriedenheit im Mittelmaß

Legitimation durch Passivität
Was kümmerts dich
Zufriedenheit im Mittelmaß

Legitimation durch Passivität
Was kümmerts mich
Zufriedenheit durch

Smartphone, Tablett
Hippen Kleidern
Music-Player
Schuhen und Schmuck

Haus und Auto
Vollem Kühlschrank
Burnout Arbeit
Mit viel Gehalt

Mehr zu Saufen
Party, Party
Social Networks
Pornos online

Legitimation durch Passivität
Dich kümmerts nicht
Mich kümmerts nicht

Mit Gewinnspiel!

Dir, Pöbel des Internets!

Folgend folgt eine kleine Geschichte. Um das ganze Leseerlebnis etwas aufregender, spannender, lehrreicher etc. zu gestalten gibt es ein kleines Gewinnspiel mit herausragendem und wirklich erstrebenswertem Gewinn: Die Wahl des Titels des nächsten Eulenzombieartikels! Also, wenn das mal nichts ist! Damit binde ich natürlich auch alle anderen Eulenzombieautoren an dieses Gewinnspiel, auch, wenn die davon noch gar nichts wissen.
Alles, was ihr dafür machen müsst, ist zwei Referenzen auf irgendwelche anderen Werke im Text zu finden und zu posten. (Es sind nämlich zwei abgewandelte Zitate drin und die will ich ja jetzt nicht umsonst eingebaut haben, aber alles andere, sofern mehr oder minder plausibel ist auch toll! Ist das nicht toll?!) Und natürlich solltet ihr bei der zahlreichen Leserschaft auch schnell antworten, bevor jemand euch diesen wunderbaren Preis vor der Nase wegschnappt. Und ihr euch dann euer ganzes Leben lang Vorwürfe macht. So jetzt gehts aber auch schon los. BÄM!

Der Durchzug

Verängstigt hockt Familie Kurz im Keller im Licht einer einzelnen, nackten Glühbirne zwischen alten Spielsachen, Weihnachtsschmuck, Konserven und Getränkekästen, angelehnt an die Tiefkühltruhe. Ängstlich blicken sie zu Boden, die Tochter auf ihren auf ihrem Schoß liegenden Laptop. Durch die letzten Schwachen Ausläufer des WLANs der Familie ist sie noch mit der Außenwelt verbunden. Sie twittert „sitzen im keller wg #durchzug können nicht raus“

Über der Familie in den oberen Stockwerken ihres kleinen Reihenhauses hebt schwach ein Geheul, wie wenn Wind durch eine zu schmale Öffnung pfeift, an. Niemand wagt es bei diesem Geräusch aufzublicken, vom Boden oder vom Laptop; Furcht spricht aus den Augen der Familie. Das Geräusch verebbt wieder und einige Minuten voller Stille folgen, bis es erneut ertönt. Die Familie regt sich in der Zwischenzeit kaum, sitzt nur still an die Tiefkühltruhe gelehnt, so dass kaum ihr Atmen zu hören ist, bis der Vater sich mit einem Seufzer erhebt und unsicher zur Tür geht. Mit jedem Schritt aber wird sein Gang zögerlicher, schwerfälliger, als koste es ihn große Kraft diesen kleinen Kellerraum zu durchqueren. Endlich, kurz vor der Tür bleibt er stehen, hält inne, wie im Hader mit sich selbst, dreht sich dann um 90 Grad und beginnt vor der Tür auf und ab zu schreiten. Als das Heulen im oberen Teil des Hauses wieder einsetzt, flüchtet sich der Vater schnell an seine alte Position auf den Boden vor der Tiefkühltruhe und greift entschlossen nach dem Laptop seiner Tochter. Ein Knallen wie von einer zuschlagenden Tür erschallt plötzlich und erschrocken zuckt die ganze Familie zusammen.

Im Browser ist noch die Facebookseite der Mutter geöffnet, die kurz nachdem es begonnen hatte und sie sich in den Keller geflüchtet hatten, dort mit einer Bekannten geschrieben hatte.

„Hallo, ich kann wohl nachher nicht zum Tupperabend kommen, wir haben einen Durchzug im Haus und sind deshalb grad in den Keller geflohen. Ich hoffe er ist früh genug weg, dass ichs doch noch schaff“

Nach einer viertel Stunde hatte die Bekannte geantwortet: „ok“

Während der Vater ein Mailprogramm öffnet ertönt ein weiteres Knallen wie von einer Tür, gefolgt von einem lauteren und anhaltenderem Aufheulen, das wie das Klagen eines verfluchten Unwesens klingt. Das Heulen hält an und die ängstlichen Blicke der Familie kleben wie gebannt an der Kellertür, als ob dort jeden Moment etwas wahrhaft schreckliches hindurchtrete. Als das Heulen wieder etwas abflacht besinnt sich der Vater und beginnt eine Mail zu schreiben.

„Sehr geehrte Nachbarn,
es ist mir äußerst unangenehm die Nachbarschaftsmailingliste auf diese Weise zu missbrauchen, doch ich hoffe, dass die Umstände dies rechtfertigen. Ein Durchzug ist in unserem Haus in den oberen Etagen und wir (meine Familie und ich) haben im Keller Zuflucht gesucht. Wenn Sie bitte die zuständigen Behörden verständigen, damit uns geholfen werde, wäre ich sehr dankbar.“

Nach nochmaligem durchlesen setzt der Vater noch einen freundlichen Gruß unter die Mail und ein Postskriptum.

„P.S.: Ich hoffe die lange geplante Weinverkostung am Donnerstag kann trotzdem hier stattfinden.“

Noch einige Augenblicke nach dem Versenden der Mail blickt der Vater auf das leuchtende Display, scheinbar wie versunken in einer anderen Welt, bevor er jäh zurück in den kleinen Kellerraum gerissen wird. Ein undefinierbares Scheppern und Poltern ist plötzlich zu hören. Bleich vor Angst und mit kaltem Schweiß auf der Stirn, der im Licht der einzelnen, nackten Glühlampe glänzt, blickt die Familie an die Decke des Raumes. Das Poltern wird lauter und scheint sich zu nähern, ja es scheint als würde es vom ersten Stock ins Erdgeschoss wandern. Es endet mit einem besonders lautem aber dumpfen Knall, wie von einem Aufprall, bei dem die Lampe kurz flackert. Es folgt eine abwartende, angespannte Stille, in welcher der Vater den Laptop auf die Kühltruhe über die Köpfe seiner Familie stellt.

Leise schließlich, wie ein zaghaft forderndes Rufen nach jemandem, hebt das Heulen wieder an und den Gesichtern der Familie ist anzusehen, wie sehr sie fürchten, dass der Ruf ihnen gilt. Still bleiben sie sitzen und wie als eine Reaktion wird das Heulen lauter, fordernder, ärgerlicher. Doch in den Zügen der Familie ist zu lesen, wie ihnen die Furcht den Atem nimmt und die Kehlen zuschnürrt. Das Heulen wird geradezu wütend und dann, direkt über der Familie, hebt ein unsäglicher Lärm an, als ob die Gesamte Einrichtung des Hauses zerschlagen würde. Ein unglaublich schepperndes Crescendo, dass die Familie gänzlich blass und in kaltem Schweiß gebadet mit anhört, scheinbar unfähig zu irgendeiner Regung, irgendeiner Tat des Widerstandes. Die Lampe unter der Decke beginnt unregelmäßig zu flackern, während die Geräusche von oben weiter unbändig in den Kellerraum schallen. Schließlich wagt sich der Sohn zu regen und nimmt den Laptop. Er startet verschiedene Instant Messenger: ICQ, MSN, Jabber, Skype. Das Heulen erhebt sich jetzt wie ein wahnsinniger Gesang über den schmetternden Lärm und das Knallen wie von Türen erhebt die Töne zu einer Kakophonie des Grauens.

Der Sohn setzt seinen Status bei allen IMs: „Durchzug: können nicht heraus, schmettern über uns, er kommt“ Dann sieht er wie das WLAN der Familie zusammen bricht. Mit einem Schrei des Entsetzens wirft er den Laptop von sich auf die kalten Fliesen. Die Mutter schreit panisch und verbirgt ihr Gesicht schnell hinter ihren Händen. Doch der Lärm über ihnen erstirbt. Stille herrscht im gesamten Haus. Dann, triumphierend, hebt das Heulen wieder an. Die Tochter beginnt zu schluchzen. Vereinzeltes Knallen von Türen ist zu hören, gemächlich, Zeit lassend. Aus den Gesichtern der Familie spricht die Gewissheit und die Angst vor einem baldigen Ende. Die Mutter murmelt immer wieder „Oh Gott, oh Gott“. Der Vater scheint zu keinerlei Regung mehr fähig, blickt starr und panisch auf die Tür des Kellerraumes. Die Tochter erbebt vor hemmungslosem Schluchzen. Der Sohn liegt in Embryonalstellung auf dem Boden, Augen fest zugekniffen und die Hände auf die Ohren gepresst. Das Heulen tönt laut über den Köpfen der Familie, wie voll irrer Vorfreude.

Dann ist mit einmal ein besonders lauter Knall zu hören und der letzte Ausdruck auf den Gesichtern der Familie, bevor sie im Dunkel der erloschenen Lampe versinken, ist das Wissen um die Einsamkeit, das Wissen, wie einsam sie in ihrem Keller sitzen. Im Dunkel hören sie, wie sich das Heulen die Kellertreppe herunter bewegt, wie sich zum Heulen ein seltsames luftig schlurfendes Geräusch gesellt. Dann wird es still, aber die Familie spürt, wie ein eisig kalter Luftzug über ihre Körper streicht. Mit schwacher, ersterbender Stimme spricht der Vater: „Der Durchzug! Der Durchzug!“