Gedicht zum Sonntag

Sonntagsausflug

Zwischen alter Eichen junge Blätter
Fallen gelbe Sonnenstrahlen
Auf die braune Erde

Mit dem Schwanze wedelnd läuft ein Hündchen
Über Laub hinweg und Äste rollt
Still ein SUV

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Widerstände

Ein Märchen

Sie stürzten ab, froh dass es niemanden gab, der sie rettete, denn sie bedurften keiner Rettung, nur der Schwerelosigkeit im Fall und des Lebens im Aufschlag.

—Aus einem Notizbuch

Eines Abends …

Null Uhr. Zeit ins Bett zu gehen, wenn ich morgen ausgeschlafen sein möchte. Schon in diesem Moment weiß ich nicht mehr, was ich die letzten Stunden getan habe. Irgendetwas im Internet. Vermutlich. Was ich eigentlich hätte tun sollen drängt mit Macht zurück in mein Bewusstsein, die Sedierung endet. Verlorene Zeit, so viel verlorene Zeit. Schwindel überkommt mich, meine Kehle schnürt sich zu. Jetzt noch mit der Arbeit anzufangen, wäre vergebens, viel zu spät. Morgen muss ich fit sein. Fit und ausgeschlafen. Um einen weiteren Tag zu Grabe zu tragen. Prokrastination ist anstrengend.

Prokrastination. Was ist das? Zuallererst einmal ein Aufschieben, das Drücken vor einer unliebsamen Aufgabe. Man prokrastiniert, wenn man etwas macht aber eigentlich etwas ganz anderes machen sollte. Wenn man beispielsweise die Wohnung putzt, statt sich endlich an die Hausarbeit zu setzen. Natürlich, die Wohnung sieht aus wie Sau, das dreckige Geschirr stapelt sich in der Spüle, die Wollmäuse huschen bei jedem Luftzug über den Boden, aber dennoch. Man hast diesen Zustand über die letzten Wochen ausgehalten, mit nur den nötigsten Putzarbeiten dann und wann, warum also gerade jetzt die Grundreinigung? Weil es keine andere Aufgabe mehr zu erledigen gibt als diese Hausarbeit zu schreiben. Oder für diese Klausur zu lernen. Oder Ordnung in das absolute Chaos zu bringen, dass in der Wohnung herrscht. Prokrastination ist in gewisser Weise eine Metahandlung, eine Handlung zweiter Ordnung. Wenn ich aufräume kann das Prokrastination sein, muss es aber nicht. Das hängt davon ab, ob durch das Aufräumen eigentlich nur eine dringendere und unliebsamere Aufgabe aufgeschoben wird.

Aber warum der Begriff Prokrastination, wenn doch auch aufschieben oder sich vor etwas drücken scheinbar das gleiche Phänomen beschreiben? Diese beiden Alternativen decken sich nicht mit der Prokrastination. Drückt man sich vor etwas, dann hofft man, dass es vorüberzieht. Man kauert so lange in seinem Versteck, bis die Gefahr gebannt ist. Man entgeht und kommt davon. Das Prokrastinieren ist aber nur ein Aufschub. Man drückt sich in diesem einen Moment, aber auf lange Sicht gibt es kein Entkommen. Vergleicht man hingegen die Prokrastination mit dem Aufschieben, dann fehlt bei letzterem die negative Konnotation, die vom Aufschiebenden selbst ausgeht. Den Aufschub erduldet man. Man ist gezwungen etwas aufzuschieben, da sich etwas anderes aufdrängt. Die Hausarbeit schiebt man auf, weil sich spontan Besuch für den Abend angekündigt hat und deshalb die Wohnung geputzt werden muss. Die Prokrastination aber ist eine Mischung aus sich drücken und aufschieben. Man entgeht für den Moment der unliebsamen Aufgabe durch eine Ablenkung, letztendlich muss man sich ihr aber doch stellen.

Der Grund für die Prokrastination liegt im Widerstand, den man gegenüber der anstehenden Aufgabe spürt. Dieser Widerstand begründet sich in der Regel in einer Angst, Unsicherheit oder Überforderung. Prokrastiniert man, fühlt man sich schlecht. Man mag sich für einen Moment über die saubere Wohnung freuen, doch im nächsten Moment kommt die Einsicht, dass man eben nicht an der Hausarbeit geschrieben hat. Das gute Gefühl, dass durch die prokrastinierende Handlung ausgelöst wird, wird sofort wieder durch das Schuldbewusstsein sich vor etwas Wichtigerem gedrückt zu haben ausgelöscht. Doch das elende Gefühl, das die Prokrastination verursacht reicht nicht aus, um den Widerstand zu überwinden, der sie überhaupt erst auslöst.

Der Widerstand richtet sich gegen die aufgeschobene Aufgabe, gegen das Zwingende. Das Zwingende drängt sich auf, erscheint unheilvoll am Horizont, drängt zum Handeln. Es übt Gewalt, lässt all jene leiden, die sich ihm widersetzen, lässt sie leiden in Versagensängsten, in Gefühlen der Hilflosigkeit und des Scheiterns, im schlechten Gewissen. Die Gründe der Prokrastination, Angst, Unsicherheit, Überforderung, sind die Folterinstrumente des Zwingenden. Durch den Widerstand schadet man in erster Linie sich selbst. Die Ergebnisse, die man am Ende produziert, sind häufig suboptimal, man scheint den Ansprüchen, die an einen gestellt werden, nicht gerecht zu werden. Die Prokrastination, obwohl sie sich im Privaten abspielt, ist immer auch gesellschaftlich. Sie rückt einen in die gesellschaftliche Position des Versagenden, des hakenden Rädchens im System.

Eine der obersten Doktrinen der gegenwärtigen Gesellschaft ist die der Selbstoptimierung. Die Position, die man im Leben einnimmt, sei, so ist die allgemeine Auffassung, in erster Linie selbstbestimmt. Das Individuum hat sich als eigenverantwortliches Subjekt erkannt und handelt entsprechend; die Geschichte des eigenen Glückes Schmied. Die durch diese Emanzipation aufgelösten Gewissheiten sind durch ein Streben zum Besseren ersetzt worden. Wurde die Position im Leben, sowohl geographisch wie auch gesellschaftlich, von der Position der Eltern geprägt, so fällt diese Gewissheit heute weg. Man muss sein Leben nicht im Kuhdorf der Kindheit fristen und nur weil die Eltern im Handwerk tätig waren, kann man dennoch eine akademische Laufbahn anstreben. Stattdessen sucht man den besseren Job, die bessere Stadt. Was besser ist, ist nebulös und natürlich wieder von der Gesellschaft geprägt und die verlangt direkt wieder eine Rechenschaft über die Entscheidung. Saarbrücken? Warum nicht Frankfurt, Köln, Hamburg oder — Engelschöre — Berlin? Aus der gewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung ist der gesellschaftliche Anspruch, diese optimal zu nutzen, erwachsen.

Das Streben nach dem Besserem ist ein Heilsversprechen, das Orientierung bietet zwischen scheinbar unendlichen Möglichkeiten, aber nicht erst am Ende mit dem Glück winkt. Nach der christlichen Lehre, musste man sein ganzes Leben erdulden, nach strengen Regeln leben, damit nach dem Tod Einlass ins Paradies gewährt wurde. Wohl demjenigen, den schon im unschuldigen Kindesalter das Zeitliche gesegnet hat. Heute ist das Paradies schon zu Lebzeiten erreichbar, doch die Strenge der Regeln, die über den Einlass wachen, ist nach wie vor hart. Man muss durch den eigenen trainierten Körper die Follower auf Instagram beeindrucken, man muss die eigene, genau regulierte Ernährung genießen können, man muss auf Facebook eine Freundeszahl im vierstelligen Bereich aufweisen können, man muss eine kleine Zahl von echten Freunden haben, um den Rest
ignorieren zu können, man muss sich losgesagt haben, von den Ketten der sozialen Netzwerke, man muss den eigenen Job lieben, man muss sich eine Auszeit nehmen können, man muss im Urlaub Orte ohne all die bescheuerten Touristen besuchen und diese ganz spezielle Erfahrung machen, man muss die perfekte Work-Life-Balance finden; das Leben muss einfach geil sein. In jeder Minute. Aber ohne Anstrengung, sondern einfach gechillt. Es zeigt sich schon, dass die Erfüllung dieser Ansprüche mit der Darstellung dieser Erfüllung einhergeht. In den sozialen Netzwerken präsentiert jeder sein eigenes perfektes Leben. Man versichert sich selbst, indem man sich durch andere betrachten lässt und nach deren Bestätigung verlangt. Kommunikation mit Interesse an einem Austausch ist nicht mehr vorhanden. Es ist ein Zurückziehen auf sich selbst, durch das die Mitmenschen zu Bestätigern und Vergleichsobjekten degradiert werden. Eine Fassade wird aufgebaut, die auch der Verdrängung dient, der Verdrängung von Tod und Verfall, von den eigenen Unzulänglichkeiten. Das Heilsversprechen umfasst, nicht eines Tages dement im Altersheim vor sich hinzusiechen, sondern auch mit Neunzig noch zu bouldern. Das sich das alles auch kapitalistisch wunderbar ausbeuten lässt liegt auf der
Hand. Produktive Arbeiter, die ihr Leben lang gesund und fröhlich ihren Job antreten und das verdiente Geld in ihre aufwendige Persönlichkeit investieren, bedeuten niedrige Kosten und hohe Profite. Die Selbstdarstellung entsolidarisiert die Arbeiter untereinander, lässt sie gegeneinander ausspielen und lässt sie größere Opfer vollbringen. Das Scheitern im Job bedeutet das persönliche Scheitern, einen intolerablen Makel im Selbstbild, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

Pokrastiniert man, dann trägt man diesen Makel bereits in sich. Das Zwingende transportiert all die gesellschaftlichen Anforderungen und widersetzt man sich ihm, widersetzt man sich auch der Gesellschaft, die es hervorgebracht hat. Prokrastiniert man, so ist dies keine geile und auch keine produktive Zeit (produktive Prokrastination ist ein Irrglauben). Sie ist verschwendet und man fühlt sich elend, währenddessen und danach. Man sammelt keine aufregenden Erfahrungen, man arbeitet nicht an sich selbst, man leistet nicht mal aktiv Widerstand, sondern wird von einem Teil der eigenen Psyche dazu gezwungen, den man nicht kontrollieren kann. Das Leiden ist auch nicht das eines Märtyrers, dem das Paradies winkt, denn die Prokrastination verwehrt gerade den Einlass in eben jenes. Sie überwältigt und konfrontiert mit der eigenen Unzulänglichkeit, mit Verfall und Tod. Die Prokrastination lässt die Selbstoptimierung scheitern und entbindet damit von deren Joch. Sie reißt ein Loch in die Fassade der Selbstdarstellung, durch die eine Kommunikation wieder möglich wird, im gegenseitigen Austauschen des Leids. Sie lässt uns unserer überdrüssig werden und wieder nach außen richten. Ich klage auf Facebook mein Leid. Alle Welt soll wissen, welche Qualen icherdulde, wie ich in der Prokrastination versinke. Es dauert nicht lange, dann kommen die Likes, die Beileidsbekundungen. Unzählige Prokrastinationsgeschichten werden gepostet und aber keine, das merke ich schnell, ist so deprimierend wie meine. Mit gutem Gefühl lege ich mich schlafen.

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Cyber

Cyberpunk, Memes sind d a n k,
bunte Haare, Cyberpunk,
Stecker im Kopf, Cyberhand.

Musik aus Computern, Cyberfun,
Sexroboter, cyberkrank,
wähl‘ dich ein mit Cyberband.

Neongrün die Cyberbank,
Cybercars am Straßenrand,
Selbstfahrend durchs Cyberland.

Postquantum dank cypherpunk,
verschlüsselt lies‘ den Cyberkant,
Plastikmüll am Cyberstrand.

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Keine Weihnachtsgeschichte

Fröhliche Weihnachten, dir, Pöbel des Internets!

Und ein kleiner, besinnlicher Text, ganz ohne Bezug zu den Feiertagen.

 

Der Ballon

Morgenfrühe und bittere Kälte herrschten am Bahnsteig, denen sich nur eine handvoll Leute aussetzten. Da kam, aus dem Augenwinkel heraus, ein schwarzer Ballon herangehüpft. Er sprang im Gleisbett zwischen den Steinen hin und her, zielstrebig, mal höher, mal weniger hoch, immer den, sich in der Ferne verlaufenden, Schienen folgend. In der Mitte des Blickfelds angelangt, hielt er inne, gönnte sich eine Pause und rollte nur dann und wann träge ein paar Steine weiter. Er hatte schon einiges seiner einstigen Fülle eingebüßt. Seine Oberfläche war matt und an manchen Stellen schrumpelig. Wie lange dauerte es, bis einem Ballon die Luft ausging? Ein schwacher Wind kam auf, verschärfte die Kälte. Der Ballon nahm hüpfend wieder seinen Weg auf, dem Ende des Bahnsteigs entgegen. Als der Zug kam, war von ihm längst nichts mehr zu sehen.

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Die Ballade der Esoterischen Poeten

Wh i t  e   S  P     A       C   Space E




W o

ho h l

ke i ne 
idee außer konventionellem
t          o
           n
e SPACE    v

     Zwischen       Räume
    Zwischen

B          t
           i
B          o

Rau      m n
n           s
e            b
              r
Ge             u
                c
                 h    danken

Pau

SO EINE GEQUIRLTE 
KACKSCHEISSE SO EIN
UNSINNIGER SCHWACHSINN

Se

Gedachter Dank.         E 
in be twe   ee
 eee 
ein ei     ne    ee ine  e  nee nee  en. 

A           blank          space.                In 

ter

twin   P

im       R

end        E

Wor          T

ds              E

te                N
ding to be  creative

                     T

Me                    I   an       

der                    O

             towards    U          ing


free                create  S   
FUCKING BULLSHIT
              I       

  vit           a           wh       y

F A K E D E E P

Frag

me                n

Tier

te   


G e h
FORM UND ABGREDROSCHENE PHRASEN
d a n k m e m e
SIND LEICHTER ALS INHALT UND ECHTE POESIE
e n

FICK DIE FAKER LIEB DIE HATER
Wenn man kein echtes Thema hat wird man halt meta.
Und wenn dass dann noch zu dumm ist versteckt man
halt den halben Post. 
Tolle Leistung. Haben wir alle sehr drüber gelacht.
Und nun is Feierabend hier.

d                e
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Von der Leichtigkeit des Euphemismus

Dir, Pöbel des Internets,

sei hier eine kleine Geschichte zur Erbauung gegeben. Der Sommer ist da, der Urlaub gebucht oder gar schon angetreten und man kann es kaum erwarten die Leichtigkeit ferner Strände zu erleben und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Nun denn, hier ist ein Text, dessen Sujet zumindest dieser Einleitung entspricht, auch wenn sein Kern wahrhaft zynisches erahnen lässt.

Der Moment der Schwerelosigkeit

Es war genau um 11:03, als im Strandabschnitt des Hotel de la Mer plötzlich die Schwerkraft aussetzte. Die Urlauber, die sich zur besagten Zeit am besagten Ort aufhielten, spürten zunächst eine ungeahnte Leichtigkeit, die schnell eine Euphorie auslöste. Diejenigen, die über den Strand schlenderten, fanden sich nach einem Schritt plötzlich in die Luft gehoben und ruderten mit den Armen, wie um ihr Gleichgewicht zu halten, um nicht zu fallen. Doch gab es kein Gewicht mehr und Fallen war ihnen gar nicht möglich. Vielmehr trieben sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach oben, dem blauen Himmel entgegen.

Diejenigen, die auf ihren Handtüchern im Sand oder in den zahlreichen Liegen lagen, reagierten häufig mit einem kurzen Schreck, begleitet vom typischen Zucken, das sie ebenfalls ihres Lagers enthob und in die Lüfte beförderte. Versuche sich an die Liege oder das Handtuch zu klammern, um so den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren, scheiterten daran, dass auch Liegen und Handtücher nicht mehr den Gesetzen der Schwerkraft gehorchten und ebenfalls himmelwärts strebten.

Ein kleines Mädchen, das gerade eine Sandburg baute stieß einen Schrei aus, als es durch das Festklopfen der Mauer von seinem Vormittagswerk getrennt wurde. Tatsächlich waren viele Schreie zu hören, ausgestoßen aus Verwunderung und Aufregung und Freude, ob dieser seltsamen Schwerelosigkeit.

Ein großer Teil des Strandes trieb in der Luft; junge und alte Leute in Badeanzügen, Bikinis und Badehosen. Ein junges Paar, ihre Haut war noch ganz weiß, waren sie doch gestern erst angekommen und hatten noch keine Zeit zum Sonnen gehabt, hielt sich bei den Händen, um nicht voneinander getrennt zu werden. Auch sie hatten große Augen und offene Münder und stießen Laute der Verzückung aus. Zwischen ihnen und den anderen Badegästen schwebten Handtücher, Liegestühle, Flip-Flops, Taschen und und auch ein wenig vom hellen Strandsand.

Michel befand sich in der Mitte dieser leicht gewordenen Gesellschaft. Unbemerkt von den anderen, die viel zu sehr damit beschäftigt waren ihr neues Gefühl der Freiheit zu kosten, lag er schwer in seiner Liege und beobachtete das Treiben um ihn herum. Der Sonnenschirm, der ihm gerade noch Schatten gespendet hatte, wurde von einer Frau mit Dauerwelle ergriffen und fortgetragen. In Michels Schoß lag ein halb zerfleddertes Buch. Seine linke Hand klammerte sich fest um die Lehne der Liege und ließ die Knöchel weiß hervortreten. Seine rechte Hand steckte in seiner großen Sporttasche. Er freute sich über die Euphorie der anderen, auch wenn er dieses Gefühl niemals würde teilen können. Er fühlte sich wie ein Fels. Ein frösteln überkam ihn, als ein Fettwanst vorbeischwebte und ihn in Schatten tauchte. Es war Zeit. Er nahm die Hand aus der Sporttasche und behutsam wurden die Urlauber wieder auf den Strand gesetzt.

Viele blieben im Sand liegen, als die Schwerkraft sich ihrer wieder bemächtigt hatte. Sie waren erschöpft und die wenigen, die nicht liegen blieben wankten auf wackeligen Beinen umher. Das Pärchen, das gestern erst angekommen war, ruhte reglos, ineinander verschlugen. Die Wellen, die ihre Körper umspielten kühlten ihre Gemüter. Das kleine Mädchen mit der Sandburg hatte von der Aufregung Nasenbluten bekommen. Die meisten waren müde und still, nur vereinzelt wurde noch ein glückseliges Jauchzen ausgestoßen.

Michel spürte nur die unendliche Schwere, die ihn hinabzog, in die Erde, und blickte ein letztes Mal auf den unerreichbaren Himmel, bevor er die Augen schloss.

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Das Weiße Buch

Thus literature (it would be better, henceforth, to say writing), by refusing to assign to the text (and to the world as text) a „secret:“ that is, an ultimate meaning, liberates an activity which we might call counter-theological, properly revolutionary, for to refuse to arrest meaning is finally to refuse God and his hypostases, reason, science, the law.

— Roland Barthes, The Death of the Author

Was weiß ich über das Weiße Buch? Das Weiße Buch ist ein Gegenstand, über den man nichts weiß. Es ist ein Buch; das zumindest ist der allgemeine Konsens. Doch Umfang, Autor, Erscheinungsjahr, Genre, Gattung, Art der Bindung, Sprache und sämtliche weitere Eigenschaften sind unbekannt. Manche bezeichnen es als den sinnlosesten aller Gegenstände, da es sich aufgrund seiner Undefiniertheit niemals mit irgendeiner Art von Sinn füllen lässt. Manche lehnen seine Existenz aus diesen Gründen schlichtweg ab. Der Leser mag sich zum Schluss selbst eine Meinung darüber bilden, doch lasst mich zunächst von vorn beginnen.

Das erste Mal begegnete ich dem Weißen Buch vor etwa einem Jahr, als ich eines Abends in den Weiten des Internets prokrastinierte. Dies geschah häufiger zu jener Zeit. Meine Freunde verließen nach dem Studium die Stadt, begannen zu arbeiten oder begannen ihren Master an einer anderen Universität. Sie brachen auf und ich blieb allein zurück (und flüchtete mich darüber in der folgenden Zeit in meine Bücher und das Internet).

Gefangen im undurchschaubaren Netz aus Links geriet ich an jenem Abend auf einen obskuren Blog. Dessen Texte riefen, aufgrund des harten Zusammenpralls von Können und Ambition, ein unangenehmes Gefühl zwischen Mitleid und Fremdscham hervor, und einer dieser Texte handelte von der Entdeckung des Weißen Buches. Die Geschichte kann ich leider nicht mehr rekonstruieren. Wegen des Umzugs, der noch dazu bei heißestem Sommerwetter stattgefunden hatte, war ich müde und schenkte meiner Lektüre keine große Aufmerksamkeit. Tatsächlich wurde ich erst später wieder an den Text erinnert, als ich Luise kennenlernte und so dem Weißen Buch ein zweites Mal begegnete. Interesse, so viel weiß ich noch, weckte der Text in mir durch das Nichts, das aus dem Buch in die Welt des Erzählers einzudringen schien und diese so schließlich auflöste.

Doch, wie gesagt, vergaß ich den Text wieder, bis ich einige Wochen später, der Sommer hatte sich in einen trüben Herbst verwandelt, ein Plakat in der Stadt sah. Es hing geduckt zwischen Graffitis an einer grauen Wand und warb mit dem Spruch „Geschichten aus Tlön“. Die Referenz auf Borges entging mir nicht, vor allem, da ich seine Werke zu jener Zeit zum wiederholten Male las. Doch wer sonst würde die Anspielung auf ein imaginäres Land aus einer Kurzgeschichte eines bald dreißig Jahre verstorbenen, argentinischen Schriftsteller verstehen? Allein zur Klärung dieser Frage entschied ich mich zur Lesung zu gehen, die durch das Plakat beworben wurde und noch am selben Abend stattfand.

Tatsächlich war die Anzahl an Besuchern, die es sich in den Kinosesseln und Sitzkissen des kleinen Theatersaals gemütlich gemacht hatte, sehr überschaubar. Der Raum lag im Halbdunkel, allein erleuchtet von den, auf die Bühne gerichteten, Scheinwerfern, die eine wohlige Wärme von sich gaben. Schon während des ersten Beitrags dämmerte ich in eine wirre Traumwelt hinüber, in die die gelesenen Worte wie groteske Kreaturen eindrangen, um Chaos und Unheil zu stiften. Ich kann daher leider kein Zeugnis darüber ablegen, wie sehr die vorgetragenen Texte sich mit Borges und dessen Werk beschäftigten. Erst zur letzten Leserin erwachte ich wieder aus meinem Halbschlaf. Sie wurde als Luise Sorgebjorg vorgestellt und anstatt von Tlön zu lesen, las sie einen Text über die Erfindung des Weißen Buches.

Der Text handelte von Sebastian, einem Studenten, der eines Abends, in geselliger Runde mit ein paar Freunden, eine Epiphanie hatte. Sie saßen in der Flurküche ihres Wohnheims als er die Eingebung bekam, ein Buch, das sie nicht kannten fortan in einen Schrein zu sperren und als Reliquie zu verehren. Die Küche des Flures besaß ein kleines Bücherregal, in dem sich allerlei Groschenromane, antike Kochbücher und eine koreanische Bibel befanden. Durch ein komplexes Verfahren, wählten sie eines, aber ohne genau zu wissen welches, der Bücher aus und plazierten es in einem alten Karton, der als Reliquiar diente.

Nach ein paar Tagen des infantilen Spaßes wurden sie der Anbetung überdrüssig und Sebastian überlegte, wie sie weiter mit dem Buch verfahren sollten. Er verfasste eine erste Abhandlung über das unbekannte Buch, in der er über dessen Inhalt spekulierte. Die anderen schlossen sich dem rasch an und es entstand eine Reihe von Texten, die sich alle dem Buch auf die ein oder andere Weise näherten. Sie bildeten eine Geheimgesellschaft, um die Texte über das Buch zu mehren, von der sie jedem, der es hören wollte, freimütig erzählten. So entstand das Weiße Buch.

Da sie nicht wussten, welches Buch genau Gegenstand ihrer Überlegungen war, wurden die Texte immer freier und ungezwungener. Am radikalsten war Sebastian, der jede Form hinter sich ließ. Für ihn ging die sprachliche Freiheit einher mit der geistigen Freiheit. Jede schriftstellerische Konvention die er brach, wurde von einem Bruch in den Konventionen des Denkens begleitet. Seine Texte wurden, so wie er selbst, immer erratischer. Jegliche Referenzpunkte schienen sich aufzulösen bis er sich schließlich selbst auflöste.

Alle waren erstaunt über das Verschwinden Sebastians, auch wenn sie in rückblickender Betrachtung sich einig waren, dass es vorhersehbar gewesen sei. Er hinterließ nichts als einen riesigen Wust größenteils unverständlicher Texte, die dennoch in jeder Hinsicht als revolutionär zu bezeichnen waren.

Nach dem Verschwinden Sebastians entwickelte sich ein Kult um seine Person. Er habe das Weiße Buch verstanden wie kein zweiter und daher gelte es, ihm und seinen Texten nachzueifern, verkündeten seine Anhänger. Sie erhoben Sebastians Texte zu einem Kanon und schrieben neue Texte über sie. Gegen diese, die eine herausragende Stellung Sebastians unter den Anhängern des Weißen Buches befürworteten, stellten sich jene, die eine Besinnung auf das Buch an sich forderten. Schließlich zerstreuten sich alle über das Land und Luises Text endete.

Es war eine absurde Geschichte, eine glänzende Parodie auf Religionen, die mich faszinierte. Nach dem Ende der Lesung suchte ich Luise auf, beglückwünschte sie zu ihrem Text und fragte, woher sie denn ihre Idee genommen hätte. Sie zeigte sich kurz angebunden und erklärte, es sei alles wahr. Es war klar, dass ich keine ernsthafte Antwort erhalten würde und ich schalt mich, ob meiner unbeholfenen Frage. War nicht die Frage nach dem Ursprung eines Textes die nichtigste, offenbarte sie doch den erbärmlichen Versuch, die Komplexität eines Textes auf einen banalen Kern zu reduzieren? Ohne Mut für ein weiteres Gespräch zog ich von dannen.

Am selben Abend suchte ich im Internet nach weiteren Texten von Luise Sorgebjorg. Ich fand sie auf den unterschiedlichsten Websites in großer thematischer und noch größerer stilistischer Bandbreite. Mir war schleierhaft wie eine Person das alles hatte schreiben können. In den nächsten Wochen und Monaten las ich immer wieder Texte unter ihrem Namen und gelangte allmählich zu der Erkenntnis, dass sich hinter dem Namen nicht nur die Frau verbarg, die ich bei der Lesung gesehen hatte, sondern ein ganzes Kollektiv.

Mir bot sich die Gelegenheit meine These zu überprüfen, als ich den Namen Luise Sorgebjorg ein zweites Mal in einer Ankündigung las. Eine Kneipe um die Ecke, die erst vor einem halben Jahr eröffnet hatte, und die mir schon durch die regelmäßigen Jazzsessions bekannt war, lud zu einer poetischen Lesung und Luise war unter den Teilnehmern aufgelistet. Am Abend der Lesung war die Kneipe recht gut besucht, sowohl von Stammgästen — soweit man bei einer so jungen Kneipe davon schon sprechen konnte — als auch von Gästen, die wegen der Lesung gekommen waren. Ich setzte mich an den Tresen, Alex die Barkeeperin reichte mir mit knapper Begrüßung mein Bier und dann wartete ich darauf, dass die Lesung beginnen würde.

Die dargebotenen Texte waren mittelmäßig bis gut und häufig vom üblichen Slammergestus geprägt. Gespannt wartete ich auf den Beitrag Luises, der, endlich an der Reihe, von einer Gruppe revoltierender Wäscheständer handelte, die sich gegen die Menschheit erhoben. Es war kompletter Nonsens, aber äußerst lustig und unterhaltsam. Nach dem Ende der Lesung wurde es noch ein feucht-fröhlicher Abend. Gäste und Lesende tranken zusammen und ich erhielt die Gelegenheit nochmals mit Luise zu sprechen. Sie schien sich nicht an mich zu erinnern und nach kurzem Smalltalk sprach ich sie auf das Weiße Buch an. Zunächst wollte sie nicht darüber sprechen, nannte es eine alberne Angelegenheit, doch auf mein Bitten begann sie schließlich zu erzählen. Luise Sorgebjorg ist in der Tat ein Pseudonym, unter dem mehrere Personen schreiben, die sich alle der Idee des Weißen Buches verschrieben haben. Das Weiße Buch war, so erklärte sie mir, von einer Gruppe Studenten in den frühen Siebzigern ersonnen worden, die dem poststrukturalistischen Geist ihrer Zeit folgten. Zunächst als Spaß erdacht, begannen die Studenten bald es zur Grundlage einer Dekonstruktion der Wirklichkeit zu nutzen. Sie suchten Gleichgesinnte, besetzen wichtige Posten in politischen und medialen Einrichtungen und schrieben Texte auf der Grundlage des Buches. Luise erklärte mir, dass es heutzutage kaum einen politischen Text, einen Gesetzentwurf, ein Parteiprogramm, einen Richterspruch, einen wissenschaftlichen Aufsatz, ja sogar wenige journalistische Texte gäbe, die nicht vom Weißen Buch zumindest beeinflusst seien. Der Gedanke schockierte mich. All die Texte, auf denen unsere Gesellschaft fußte, sollen auf nichts anderem aufbauen, als den Vermutungen über ein Buch, dessen Existenz nicht einmal gesichert ist. An jenem Abend ging ich mit schwerem Kopf — vom Bier, wie auch von den Enthüllungen Luises — nach Hause.

Am nächsten Morgen und auch an den nachfolgenden Tagen und Wochen bis heute lassen die Gedanken an das Weiße Buch mich nicht mehr los. Zunächst war ich bestürzt über die Möglichkeit, dass alles, was ich bisher für wahr erachtet hatte, allein den Hirngespinsten irgendeines Schreiberlings entsprungen sein könnte. Luise hatte mir Namen und andere Hinweise gegeben, die auf das Weiße Buch hindeuteten. Als ich begann zu recherchieren, übertrafen die Ergebnisse alle Befürchtungen. Das Weiße Buch ist überall. Ich las Texte und entdeckte seine Spuren und die Texte verloren jeglichen Sinn in meinen Augen. Ich saß apathisch zu Hause, verbarg mich in meinen Büchern (die, die vor den Siebzigern geschrieben wurden) und mied das Internet. Natürlich konnte nicht annähernd ein Großteil des Netzes von Wissenden um das Weiße Buch kontrolliert werden. Doch wie viele der Ideen aus diesem weißen Nichts hatten ihren Weg gefunden in die Köpfe der Menschen, gruben sich durch die Hirnwindungen wie Würmer? Es gab kein Entkommen.

Nach langer Zeit, die mir heute vorkommt wie ein Alptraum, gelangte ich zu der Einsicht, dass es auch gar kein Entkommen brauchte. Ich begann das Weiße Buch als Geschenk zu begreifen, als Geschenk, dass mich von der Autorität der Texte befreite. Anstelle der unerträglichen Leere traten unendliche Möglichkeiten. Das Weiße Buch hebt jeden Zwang der Deutung, jede Vorgabe der Interpretation. So wie das weiße Licht alle Farben enthält, enthält das Weiße Buch alle Texte. Das Weiße Buch ist nicht das Nichts. Es ist alles.

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